20 Jahre danach – was bleibt von den Seesendern?
Eine Bestandsaufnahme von Martin van der Ven

 

Im November 2010 werden es bereits 20 Jahre sein, dass das legendäre Radio Caroline die Segel streichen und die Sendungen von der MV Ross Revenge einstellen musste. Damit ging unzweifelhaft eine Ära ging zu Ende, auch wenn die Voice of Peace vor der israelischen Küste noch 3 Jahre länger durchhielt und andere Sender mit vorrangig politischem Hintergrund wie Droit de Parole oder Arutz Sheva sogar noch später aktiv waren.

Vor einiger Zeit lästerte mein Bruder: „Ihr habt ja ein überschaubares, abgeschlossenes Interessengebiet. Da passiert nichts mehr – anders als bei Briefmarkensammlern.“ Im folgenden Beitrag möchte ich dieser Einschätzung deutlich widersprechen und aufzeigen, wie groß der Einfluss der Seesender bis zum heutigen Tage ist. Was bleibt von ihnen längerfristig, vielleicht dauerhaft erhalten, und was können wir von ihnen lernen?



Unermüdlich: Die Fans

Die Zahl der nostalgisch angehauchten Anhänger scheint im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte, eher größer geworden zu sein, orientiert man sich an den jährlichen Treffen, die immer mehr zu Wiedersehensfeiern werden. Es entstehen fortwährend neue Kontakte auch international. Freundschaften entwickeln sich nach dem Motto: Gleichgesinnte tauschen sich aus und fühlen sich miteinander rasch verbunden. Inzwischen rund 400 Teilnehmer verzeichnet der (auch vom Autor mitveranstaltete) „Radio Day“ in Amsterdam, der jeweils im November stattfindet und sich vornehmlich mit Seesenderthemen befasst. Dazu finden sich Enthusiasten aus den Niederlanden, aber auch aus England, Schottland, Irland, Belgien, Deutschland, Frankreich und selbst aus den USA und Israel ein. Kaum weniger Interesse findet der im Frühling stattfindende Veronica-Tag im Hotel Lapershoek in Hilversum. Hier konzentriert sich das Geschehen auf die Erinnerung an das legendäre Radio Veronica (so wie man in den Sechzigern entweder bekennender Beatles- oder Stonesfan war, legte man sich in den Siebzigern auf Veronica oder den Konkurrenten Radio Nordsee International fest). In Calais (Frankreich) treffen sich im Herbst regelmäßig rund 50 Interessenten zu „Euroradio“, einer Veranstaltung, die sich ausschließlich den Seesendern widmet. Schließlich ist der Erkrather Radiotag im September zu erwähnen, der einen vergleichbaren Interessentenkreis aus Deutschland anspricht. Hier spielen die alten Seesender zwar keine vorrangige Rolle, finden aber im Rahmen nostalgischer Interviews vielfältige Beachtung.

Das in den vergangenen Jahren eher noch steigende Interesse an den erwähnten Veranstaltungen wird zweifellos durch das Internet mit seinen vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten wesentlich gefördert. Hier finden sich weit mehr als 1.000 Webseiten zum Thema, die zum Teil sehr professionell, häufig aber auch liebevoll-amateurhaft gestaltet werden. Seesenderfans tummeln sich in Newsgroups und Foren sowie bei Facebook. Reger Emailverkehr führt zu neuen Verbindungen und Bekanntschaften, alte Fotos werden ausgegraben und veröffentlicht, und der „Downloadclub“ stellt seit Jahren tausende Stunden an digitalisierten und klanglich aufgearbeiteten Mitschnitten ins Netz. Diese können für einen geringen Kostenbeitrag auf die eigene Festplatte geladen. Daneben finden sich bei „azanoraks.com“ unzählige Audiomitschnitte auf einem riesigen Server, die sogar gratis abrufbar sind. Der „Seesender-Guru“ Hans Knot aus den Niederlanden verschickt monatlich seinen elektronischen Rundbrief mit nostalgischen Erinnerungen von Discjockeys und Fans an mehr als 2.000 Interessierte in aller Welt. Das Hobby lässt außerdem Spezialinteressen zu Untergebieten entstehen. Einzelne Radiofans konzentrieren sich vorrangig auf die Seesendergeschichte der sechziger, siebziger oder achtziger Jahre oder auch auf die Jingles und Reklamespots der schwimmenden Radiostationen. Andere wiederum pflegen ihre Sammlung von Zeitungsberichten oder der vielfältigen Erkennungsmelodien der Stationen und Deejays („themes and tunes“). Wikipedia hält inzwischen hunderte, in der Regel differenziert geschriebene und gut recherchierte Beiträge zum Thema vor.

Das Seesenderthema wurde im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in zahlreichen Büchern nachbereitet und reflektiert. Es erschienen inzwischen nicht mehr zu zählende Schallplatten, CDs und Videos mit zum Teil sehr unterschiedlicher Qualität. Doch der „richtige Fan“ hat natürlich das Meiste davon in seinem Schrank stehen. Hatte sich in früheren Zeiten ein überschaubarer Offshore-Radio-Markt mit Vertriebswegen in ganz Europa und zum Teil deutlich überhöhten Preisen entwickelt, so wird heutzutage vorrangig die Möglichkeit zu gänzlich kostenfreien oder überaus preiswerten Angeboten im Internet genutzt.

 

Still going strong: Discjockeys, Techniker und Mitarbeiter

In den vergangenen Jahren erschien geradezu eine Flut von Autobiographien oder auch romanhaft geschriebenen Erinnerungen an die Seesender. Lebenserinnerungen von John Peel, Johnnie Walker, Keith Skues, Simon Dee, Ed Stewart, Nigel Harris, Steve Conway, Tom Lodge, Keith Skues und Graham Gill füllten die Regale der Radiofans. Ein Ende ist nicht in Sicht. Der Film „The Boat That Rocked“ mit seiner fiktiven Story wurde zwar hinsichtlich seiner Besucherzahlen ein Flop, doch die sich erinnernden, inzwischen graumelierten Deejays der sechziger Jahre waren nach der Vorstellung entweder angerührt oder sahen sich gemüßigt, die „richtige“ Version ihrer Geschichte zu erzählen. Einladungen zu Podiumsdiskussionen und „Reunions“ werden zunehmend gern angenommen. Man wird älter, versucht (nicht immer lückenlos) sich zu erinnern und gelobt seine Geschichte aufzuschreiben, bevor es zu spät ist. Denn immer häufiger wird Abschied genommen. Die „Pirate Hall of Fame“ im „Offshore Radio Heaven“ wird zunehmend größer und renommierter. Ein aufwendiger Aprilscherz hinsichtlich eines geplanten Altersheims für Offshore-Radio-Bedienstete führte bei so manchem Beteiligten zu einem gequälten Lächeln mit wehmütigem Achselzucken.

Doch zahlreiche Veteranen zeigen sich völlig unbeeindruckt. „Still going strong“ wie Mick Jagger und die Rolling Stones produzieren Altgrößen wie Johnnie Walker, Keith Skues, Dave Cash, Roger ‚Twiggy‘ Day, Johnny Lewis, Roger Mathews, Nigel Harris (Stuart Russel), Bob Lawrence (Richard Thomson), Ferry Maat, Tineke, Bart van Leeuwen, Ferry Eden, Rob van Dam (Marc Jacobs), Steve Conway, Chris Kennedy [siehe YouTube-Video], Norman Barrington und Brian Anderson Radioprogramme vom Feinsten. Leider wird ihr Personality-Radio aber in Zeiten automatisierten Gedudels vieler Stationen mit einer Playlist von weniger als 200 Musiktiteln zunehmend zur exklusiven Nische verschiedener Webradios.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Lack ist ab: Rostige Sendeschiffe

Die Sendeschiffe der schwimmenden Radiosender dienten als Basis der innovativen und bisweilen rebellisch anmutenden Seesenderprogramme. Was gibt es Neues an Bord? Hält das mühsam gestopfte Leck, bricht der Mast, reicht das Dieselöl, und war das Versorgungsschiff („Tender“) schon da? Fragen, die beispielsweise die „Baken 16“-Sendung bei Radio Mi Amigo zum Kult werden ließen. Tony Blackburn sah die Radioschiffe im Nachhinein als harmlose Vorläufer der späteren Big-Brother-Container im Fernsehen: Eine Mischung unterschiedlicher und häufig auch schwieriger Charaktere ist wochenlang in einem engen Behältnis eingepfercht und wird von außen kontinuierlich beobachtet. Zeitweilig gab es in den sechziger und siebziger Jahre vor den englischen und holländischen Küsten eine ganze Flotte von Schiffen, die mit hohen Sendemasten ausgerüstet waren und meist schon bessere Zeiten hinter sich hatten.

Nur wenige Schiffe haben bis heute überlebt. Die 1980 gesunkene und längst legendäre MV Mi Amigo wird immer mal wieder von Tauchern besucht, und im Internet finden sich Radarbilder, bei denen man viel Vorstellungskraft benötigt. Die wiederholt angedachte Bergung ist aber Utopie. Die Norderney (Radio Veronicas zweites und letztes Boot) dümpelt von seiner Radiovergangenheit entkernt als abgetakelte Diskothek in einem Antwerpener Hafen vor sich hin und wartet trotz aller Beteuerungen seiner Besitzer wohl auf sein baldiges Ende. Die MV Communicator diente Laser 558 als Sendeschiff, sendete dann in den neunziger Jahren noch legal in den Niederlanden und wurde inzwischen aber in Schottland abgewrackt. Die MV Ross Revenge, bis 1990 Radio Carolines letzte Bastion on der Nordsee, liegt seit zwei Jahrzehnten in verschiedenen englischen Häfen. Bewundernswerte Enthusiasten (vornehmlich Männer über 50) verbringen fast jedes Wochenende auf dem Schiff, verpassen ihm neue Farbe, möbeln die Sender auf und errichten modernere Studios. Ab und an hört man das weiterhin via Satellit und Internet noch aktive (und von den Spenden seiner treuesten Fans finanzierte) Radio Caroline dann auch live vom Sendeschiff, dessen Zukunft aber völlig unklar bleibt. Touristenattraktion, Museum und permanentes Sendestudio heißen die wenig realistisch klingenden Optionen.

Schließlich müssen auch die "Fortsender" Erwähnung finden. Stationen wie Radio City und Radio 390 strahlten in den sechziger Jahren ihre Sendungen von früheren britischen Militärbastionen in der Themsemündung aus. Roy Bates gründete auf dem Roughs Tower sogar das "Fürstentum Sealand" und schürte jahrelang Fantasien von einer eigenen Radiostation. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass der Zahn der Zeit an diesen künstlichen Plattformen kräftig genagt hat. Nichtsdestotrotz schließt die Stiftung "Project Redsand" mit dem freundlichen Robin Adcroft an der Spitze bis heute eine Radiozukunft einer dieser künstlichen Plattformen nicht ganz aus...

Soviel Möwendreck, Rost und Untergangsfantasien könnten Radiofans fast depressiv machen, wären da nicht zwei ausgediente Feuerschiffe. In Harwich liegt die LV 18, die von Tony O'Neill liebevoll gepflegt wird und in den letzten Jahren als Kristallisationspunkt für nostalgische Seesendertreffen mit auf wenige Wochen befristete Sendungen diente. Alles was in den sechziger Jahren bei den englischsprachigen Offshore-Sendern Rang und Namen hatte, fand sich auf der LV 18 ein und sendete ironischer Weise als "Pirate BBC Essex", ein sich inzwischen fast jährlich wiederholender großartiger Spaß.

Das Schwesterschiff LV 8 wurde in Jenni Baynton umgetauft und hat seine Heimat in Harlingen im Nordwesten der Niederlande gefunden. Sietse Brouwer ist der "Ober-Anorak", der hier seinen alten Traum verwirklicht. Mit der Hilfe unermüdlicher Radiotechniker, Fans und Diskjockeys wurde aus einer bedauernswerten Rostbeule ein liebevoll-nostalgisch erhaltenes und mit moderner Technik ausgestattetes Sendeschiff, das für Radiofreunde zunehmend "Kult" geworden ist. Entsprechend pilgern jeweils im Mai viele Fans aus ganz Europa mit leuchtenden Augen zu den "Offshore"-Sendungen von Radio Waddenzee und Radio Seagull im niederländischen Wattenmeer. Die Jenni Baynton verkörpert das Irrationale des Hobbys: Das Sendeschiff wird sich finanziell niemals rentieren, aber alle Beteiligten und Besucher haben das untrügliche Gefühl, dass Sietse dennoch alles richtig macht und man hier wirklich riecht, spürt, hört und fühlt, was die Seesender einst ausmachten. Chapeau, Sietse!

 

 

Thank you for the music

Noch ist die Frage nicht beantwortet, was von den Seesendern überdauern wird. Darauf kann es nur eine Antwort geben: Ihre Musik und der unvergleichliche Präsentationsstil ihrer Deejays. Das Top-40-Radio hielt mit den schwimmenden Radiostationen in Europa Einzug, und in den siebziger Jahren waren vor allem Radio Caroline und Radio Seagull mit ihrem Album Rock erneut innovativ. Die Musik faszinierte damals eine bestimmte Altersgruppe, war Teil der Pop- und Hippiekultur, blieb aber doch noch einer Minderheit vorbehalten. Heutzutage hört man in jedem Hotelaufzug, auf vielen Berghütten, am Strand, in den Kneipen und Gaststätten, aber auch in allen Kaufhäusern Melodien von den Beatles, Eric Clapton, Neil Young und Pink Floyd. Wollen Radiostationen vor allem bei älteren Hörern erfolgreich sein, so spielen sie "die besten Oldies der sechziger, siebziger und achtziger Jahre". Man mag diese Berieselung nervig finden und sich bei zunehmendem Lebensalter manchmal lieber Klassikmusik auf der Terrasse wünschen. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen: Die stilprägende Musik der Seesender hat sich überall durchgesetzt und ist Bestandteil unserer Kultur geworden.

Nur das Personality-Radio sucht man häufig mit der Lupe, vor allem bei den meistgehörten Sendern etwa im Auto. Guckt und hört man aber genauer hin, findet man mit seiner Satellitenschüssel und vor allem im Internet viele hervorragend gemachte Radiosender mit sorgfältig erstellten Spartenprogrammen, selten gespielten Musiktiteln und engagierter Präsentation. Hervorragende Webradios wie Extragold NL, Replay Radio, European Klassik Radio, Cruisin' 531, OldiesProject, KultRadio, Das Radio der von Neil Young Getöteten, surfradio.nl, Offshore Music Radio, aber auch die selbst ernannten Seesender-Nachfolger RNI, Radio Caroline, Radio Seagull, Voice of Peace, Radio Monique 963, Radio Mi Amigo 100.9 FM, Radio 227, Radio Hauraki und Radio Veronica 192, aber auch das auf Mittelwelle sendende Big L 1395 machen mit ihrer Vielfalt deutlich: Die Seesender leben weiter, in unserem Herzen, vor allem aber in unseren Ohren!

 


 

 

Seesender.de