Ständig auf Empfang
Ein nostalgischer Rückblick auf die Seesender von Martin van der Ven

Update: 30.06.2015

 

Bei diesem Icon hören Sie jeweils einen geeigneten Mitschnitt (nicht immer vom Autor selbst aufgenommen). Die erwähnten Empfangsorte sind gelb markiert. Die Fotos kann man durch Anklicken vergrößern.

 

Seit Jahrzehnten wird immer wieder die Frage diskutiert, was die Seesender so faszinierend macht. Verschiedene Erklärungen dieses Phänomens drängen sich auf: So etwa die oft atemberaubenden Abenteuer der Diskjockeys und Schiffsbesatzungen, die als Vorläufer späterer Reality-TV-Sendungen täglich „live“ im Radio zu verfolgen waren, aber auch die Aufmüpfigkeit der fälschlich „Piraten“ genannten Sender, die geschickt Gesetzeslücken nutzten und Pop- und Rockmusik spielten, die sonst im Radio kaum zu hören war.

Ein weiterer, in meinen Augen wesentlicher Aspekt war der teilweise sehr schwierige Empfang der Sender, die keineswegs wie heute üblich störungsfrei über UKW in jedem Autoradio, mit einem Satellitenempfänger oder als Internetstream zu hören waren. Vielmehr waren vor allem auch in Deutschland etwas besser ausgestattete Radioempfänger und günstigen Falls eine Spezialantenne erforderlich, um die meist auf Mittelwelle, vereinzelt auch über Kurzwelle ausgestrahlten Sendungen hereinzukommen. Dabei wirkten sich die jeweilige Tages- und Nachtzeit mit häufigem Fading oder auch Gewitterstörungen und die zahlreichen Interferenzen durch verschiedene Rundfunkstationen auf derselben Frequenz (meist aus dem damaligen Ostblock) oft negativ auf die Qualität des Empfangssignals aus. Außerdem standen den verschiedenen Seesendern unterschiedlich starke Sendeeinrichtungen an Bord zur Verfügung, so dass kleinere Sender wie Radio Atlantis oder Radio Delmare häufig nur stundenweise oder bei geeigneter Wetterlage zu hören waren. Meine These ist nun: Gerade diese Empfangsprobleme machten das Hören der Seesender besonders spannend und attraktiv, denn häufig waren ein nicht geringer Aufwand und anschließend eben auch ein kleiner Triumph damit verbunden, Sender wie Radio Caroline nun doch wieder in brauchbarer Qualität auf Mittelwelle zu hören. Ich will dies ausführlich mit eigenen Erinnerungen verdeutlichen.

 

1965-67

Den Anfang der Seesender, also die ersten skandinavischen Stationen, die Radio- und sogar Fernsehsendungen von der künstlichen REM-Insel vor der Küste von Noordwijk und auch die ersten Sendungen der englischen Seesender ab Ostern 1964 habe ich (im August 1955 geboren) noch vollständig verpasst. Meine Vorliebe für das Radiohören wurde zunächst in der Mitte der sechziger Jahre durch die deutschsprachigen Sendungen von Radio Luxemburg mit „Ansagern“ wie Frank (Elstner), (Dieter) Thomas (Heck), Helga (Guitton) und Jörg geprägt mit Sendungen wie „Die großen Acht“, „Die Funkkantine“, „Der fröhliche Wecker“ und „Die Hitparade“. Im Laufe des Jahres 1966 begriff ich dann, dass die mir besonders zusagenden englischen Schallplatten bei Radio Luxemburg oft nicht auf dem aktuellen Stand waren und einige Wochen hinterherhinkten. So gab es auf der Mittelwelle viele mir unbekannte, englischsprachige Sender, die deutlich aktuellere und auch „spritzigere“ Titel spielten. Rasch begann ich damals, eigene Hitlisten mit persönlichen Vorlieben zu erstellen, die möglichst auf dem allerneusten Stand waren. So muss ich damals die Seesender wie Radio Caroline und Radio London entdeckt haben – ohne allerdings zu wissen, dass es sich um Sendungen von Schiffen auf der Nordsee handelte. Mein Englischunterricht auf dem altsprachlichen Gymnasium startete erst im Sommer 1967 (vorher hatten wir zunächst Latein gelernt...), so dass ich bis dahin nur wenig von den Sendungen verstand, allerdings damals schon die Namen der meisten „Beatgruppen“ und Plattentitel recht gut aussprechen und schreiben konnte.

Mein Elternhaus steht in Millingen, einem Ortsteil der am Niederrhein gelegenen Stadt Rees, nahe bei Emmerich und nur wenige Kilometer entfernt von der niederländischen Grenze (Arnheim ist nicht weit). Nachdem ich zunächst immer wieder die Rundfunkgeräte meiner Eltern im Wohn- und Esszimmer benutzt hatte (einen Receiver im Wohnzimmerschrank und ein ebenfalls etwas größeres, nicht tragbares Gerät), wünschte ich mir umso sehnlicher einen eigenes „Transistorradio“, das ich dann endlich zu Weihnachten 1965 bekam. Es handelte sich um ein recht kleines japanisches Gerät, dessen Hersteller ich heute leider nicht mehr erinnere (eventuell Sharp). Ehrlich gesagt war ich davon etwas enttäuscht (hätte dies meinen Eltern damals aber nie zu sagen gewagt), denn gerade der von mir wegen der „Musiksender“ bevorzugte Mittelwellenempfang ließ doch sehr zu wünschen übrig, wurde von mir aber zu allen Tages- und Nachtzeiten ausgiebig betrieben. Leider konnte man das Gerät auch nicht an das neue Tonbandgerät meines Vaters anschließen, so dass mein Bruder Thomas und ich die Hitparade von Radio Luxemburg (damals noch von Camillo Felgen moderiert) mit einem Mikrofon aufnahmen (was ich in den folgenden Jahren vereinzelt auch mit dem im Fernsehen samstags nachmittags laufenden Beat-Club so praktiziert habe).

Meine Unzufriedenheit mit dem Mittelwellenempfang führte zu dem dringenden Wunsch nach einem besseren Gerät, das ich mir dann im Laufe des Jahres 1966 oder zu Anfang 1967 von meinem Taschengeld geleistet habe. Leider erinnere ich auch hier nicht mehr den Hersteller. Es hatte jedenfalls eine bessere Kanaltrennung und wohl auch einen besseren Ferritstab. Besonders ist mir in Erinnerung, dass ich abends regelmäßig damit „Hallo Twen“ mit Manfred Sexauer auf der Europawelle Saar gehört habe, dessen Sendung um 18.05 Uhr ziemlich aktuell war mit allen neuen Platten aus England und den USA. Dort hörte ich beispielsweise zum ersten Mal „My friend Jack“ von den Smoke und war begeistert. Verschiedene Singles der Stones („Paint it black“, „We love you“), aber auch „Black is black“ von den Los Bravos oder die Troggs-Titel „Wild thing“ und „With a girl like you“ klingen mir heute noch in den Ohren, wenn ich an die Jahre 1965-67 zurückdenke. Überhaupt war die Musik die entscheidende Triebfeder, die mich immer wieder zum Radio führte. Die „Swinging Sixties“ blieben somit auch dem knapp 12jährigen Jungen nicht verborgen.

Am Karfreitag 1967 saß ich mit meinem Bruder Thomas im Auto meiner Eltern, die den Gottesdienst besuchten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich im Auto die Mittelwellenskala auf- und abgefahren bin und von den englischen Sendern begeistert war, die „meine Musik“ und dabei immer neue Singles spielten, die ich noch nicht kannte. Meiner Tante Gisela, einer Englischlehrerin am Gymnasium, habe ich in dieser Zeit einmal die englischen Seesender am Radio „vorgespielt“ und sie gefragt, wie viel sie denn davon verstehe. Zu meinem Erstaunen sagte sie, die Diskjockeys sprächen mit verschiedenen, teils amerikanischen Akzenten und überhaupt viel zu schnell, so dass man nur wenig verstünde…

Am 14. August 1967 hörte ich dann im „Morgenmagazin“ auf WDR 2 einen Bericht über das am heutigen Tag bevorstehende Ende der britischen Seesender. Nach meiner heutigen Erinnerung wurde mir erst zu diesem Zeitpunkt richtig bewusst, dass es sich dabei um Sendungen von Schiffen oder in der Nordsee verankerten ehemaligen Marinestützpunkten handelte. Schmerzlich begriff ich, dass mir künftig etwas Wichtiges fehlen würde und ich umso mehr auf das von mir immer mehr als „Dudel- und Schlagersender“ wahrgenommene Radio Luxemburg angewiesen sein würde. In den Wochen darauf fragte ich mich mehrfach verwundert, warum man „Radio Caroline“ trotzdem immer noch hören konnte – irgendwann (im Nachhinein wissen wir: im März 1968) war es dann zunächst ebenfalls verschwunden.

Schon vor dem Inkrafttreten des britischen Anti-Seesender-Gesetzes tauchte überraschend ein Radio-Caroline-Diskjockey regelmäßig im Deutschen Fernsehen auf. Im Beat-Club machte Dave Lee Travis teilweise etwas läppisch wirkende Witzchen, führte aber mehrere, an die Seesender angelehnte (Video-)Jingles ein, die die ohnehin einzigartige Sendung zusätzlich aufpeppten. Einen noch größeren Eindruck hinterließen bei mir allerdings Uschi Nerkes Miniröcke… Auf jeden Fall habe in all den Jahren von 1965 bis 1972 kaum eine Sendung verpasst.

 

1968-69

1968 und 1969 bin ich dann weitgehend auf BFBS und Hilversum III ausgewichen. Der Vorteil lag vor allem im weitgehend störungsfreien UKW-Empfang. Und die englische und niederländische Sprache faszinierten mich so sehr, dass ich in der Folgezeit (und eigentlich bis heute) kaum mehr deutschsprachiges Radio hörte. Als Geschenk zu meiner Konfirmation im Frühjahr 1969 erhielt ich von meinen Eltern einen neuen Empfänger, den ich lange kritisch ausgesucht hatte und der mir bis zum Untergang der Sendeschiffs Mi Amigo im März 1980 treue Dienste beim Empfang der Seesender leisten sollte: Der „Touring International“ von ITT Schaub-Lorenz hatte ein gespreiztes 49-Meter-Kurzwellenband und auch einen sehr guten Mittelwellenempfang. Ich konnte ihn an mein neues Tonbandgerät (Saba TG 446 automatic) anschließen, dass ich mir ein Jahr später zulegte und mit dem ich viele Mitschnitte von den Offshore-Stationen machen sollte. 

Im Sommer 1969 verbrachte ich dann mit meiner Familie einen Urlaub in Katwijk an der niederländischen Nordseeküste. Für einen damals knapp 14jährigen pubertierenden Jugendlichen war es überaus beeindruckend, dass „seine“ aktuellen Hits in jeder Boutique und in jedem Strandcafé zu hören waren und immer von demselben und damals einzigen (See-)Sender stammten: Radio Veronica vom Sendeschiff Norderney. „Venus“ von Shocking Blue und „Ma belle amie“ von den Tee Set waren meine absoluten Veronica-Sommerhits 1969, und in Katwijk platzte beinahe das Kofferradio, so gut kam „Veronica op 192“ herein.

 

1970

Nachdem ich schon 1968 in den deutschen Zeitschriften und Zeitungen mehrfach vom letztlich gescheiterten deutschen Radio Nordsee-Projekt gelesen hatte, das vom früheren Radio-London-Schiff Galaxy aus der Deutschen Bucht senden sollte, fand ich dann ähnliche Meldungen zu Ende des Jahres 1969. Nun jedoch realisierten sich die Träume der Herren Bollier und Meister, und zu Anfang Februar stand dann in der Rheinischen Post eine Kurzmeldung, dass  RNI Testsendungen von der Mebo II aufgenommen habe. 

Noch am selben Tag hörte ich dann im 49-Meter-Band  erstmals Hannibal (Ulf Posé) marktschreierisch das kommende „internationale Programm in mehreren Sprachen“ anpreisen. [] Ich war fasziniert und enttäuscht zugleich, hatte ich doch – spätestens nachdem ich auch Horst Reiner mit seinem österreichischen Akzent bei der enttäuschenden Eröffnungssendung hörte – das Gefühl: Die deutschsprachigen Diskjockeys können es nicht so gut wie die Engländer, sprechen nicht mal die Musiktitel und die Namen der Bands richtig aus…

Nichtsdestotrotz wurde ich in diesem Jahr zum erklärten RNI-Fan, und Radio Veronica habe ich danach fast völlig vernachlässigt. Ich verpasste im Jahr 1970 kaum je einen Sendetag, keinen der vielen Frequenzwechsel und schalte unentwegt zwischen Kurz- und Mittelwelle hin und her, um den Empfang zu vergleichen und zu verbessern. Ich ärgerte mich natürlich unsagbar über die englischen Störsendungen, versuchte deshalb ständig durch kleine Frequenzanpassungen ein brauchbares Signal „herauszufiltern“ und drehte das Kofferradio hin und her, um den Ferritstab in die optimale Position zu bringen. Radiohören wurde in diesem Jahr mich zur Passion. Ich erkannte jeden RNI-Diskjockey an seiner Stimme. Dass ich zu diesem Zeitpunkt noch über keine Fotos vom Schiff und den Leuten an Bord verfügte, beflügelte meine Fantasien umso mehr. Roger ‚Twiggy’ Day, Carl Mitchell, Andy Archer und Mark Wesley wurden für mich zu „All-Time-Favourites“, und ich höre bis heute fast wehmütig die vielen Tonaufnahmen aus diesem Jahr. Auch Hannibal wurde besser, als er schließlich an Bord kam. Seine Sendungen morgens und abends habe ich sehr gern gehört, auch wenn vor allem der Empfang der Abendshow viel Mühe machte. [] Meine Eltern hatten dann fast immer das Fernsehgerät angestellt, das zu einem störenden Brummen führte. Schon gegen 20.30 Uhr setzte das berüchtigte Fading ein, und die verschiedenen osteuropäischen Stationen ließen das Signal spätestens eine Stunde später fast unbrauchbar werden. Die Kurzwelle im 49-Meterband (tagsüber nahezu störungsfrei) war dann schon lange nicht mehr zu hören.

Anfang April 1970 sind meine Eltern mit mir und den beiden jüngeren Brüdern für ein Wochenende nach Scheveningen gefahren. Wir übernachteten zweimal im mondän-altbackenen Kurhaus Hotel und hatten miserables Wetter. Es regnete und stürmte, und so blieb mir genug Zeit die sonore Stimme von Duncan Johnson auf RNI zu hören, das gerade auf die neue Frequenz 190 Meter gewechselt war. []
Die Mebo II lag seit zwei Wochen vor Clacton in Essex, so dass der Mittelwellenempfang zwar nichts zu wünschen übrig ließ, der UKW-Empfang aber leider in Holland nicht mehr möglich war.
Dass das nebenan liegende und längst abgerissene Grand Hotel quasi der zweite Wohnsitz der Herren Meister und Bollier war, las ich übrigens erst Jahre später.

Einige Wochen später empfing ich in Millingen wiederholt auch Capital Radio auf 270 Metern, das ich damals aber wenig interessant fand... Die Wassermusik von Händel irritierte den 14jährigen Hörer doch arg.

Im Frühjahr schrieb ich dem deutschen RNI-Diskjockey Axel einen Brief, und er hat dann tatsächlich in seiner Morgensendung am 24. Juli Grüße bestellt und außerdem auch persönlich zurück geschrieben und meine zahlreichen Fragen beantwortet. Axel hab ich übrigens oft morgens unter der Bettdecke gehört (ich schlief damals noch mit Thomas in einem Zimmer).

Die Störsendungen des britischen Post Office im Laufe des Frühjahrs führten im Juni während der heißen Phase des Wahlkampfs in Großbritannien zu der Umbenennung von Radio Nordsee International in Radio Caroline International. Ich war ziemlich enttäuscht und beunruhigt angesichts der "altmodischeren", hausbackeneren Jingles und der sich häufenden Versuche einer politischen Einflussnahme während der Sendungen. Umso erfreuter nahm ich dann den Wahlsieg der Tories und die anschließende Rückbenennung in RNI zur Kenntnis.

In den Sommerferien zu Ende Juli habe ich mit einem Freund einige Tage am "Hagener Meer" (in der Nähe der von "Tante Grete" geführten Kneipe) in Haldern am Niederrhein gezeltet. Zu diesem Zeitpunkt war die Mebo II gerade an die holländische Küste zurückgekehrt, und der Empfang – jetzt endlich wieder ohne Störsignal - verbesserte sich um Längen. Wir haben von morgens bis abends RNI im Zelt gehört (meist ziemlich alkoholisiert). „Lola“ von den Kinks, „Question“ von den Moody Blues und „In the summertime“ von Mungo Jerry waren unsere RNI-Sommerhits.

Ab Anfang August war dann auch der zweite RNI-Kurzwellensender im 31-Meter-Band regelmäßig in Betrieb. Er erwies sich während unseres Urlaubs in Milano Marittima an der italienischen Adriaküste als hervorragende Möglichkeit, den geliebten Seesender von der Mebo II auch noch im südeuropäischen Ausland zu empfangen. Vor dem Abflug übernachteten wir im Landhotel Krummenweg in Ratingen, unweit vom Düsseldorfer Flughafen. Ich erinnere noch lebhaft, wie ich dort morgens in der Badewanne lag und Mark Wesley in hervorragender Mittelwellenqualität hörte. Alles war perfekt: Die flotte Musik, die modernen Jingles, seine professionellen Ansagen. Während der anschließenden Urlaubszeit in Italien machten meine Eltern regelmäßig einen Mittagsschlaf, und wir Kinder sollten dann ebenfalls auf unserem Hotelzimmer bleiben. So hörte ich dann am Samstag dem 29. August rechtzeitig, dass „Gefahr im Verzug“ war. Die aufgeregten Durchsagen von Carl Mitchell und Spangles Muldoon (Chris Cary) klingen mir noch im Ohr. Kees Manders scheiterte letztlich mit seinem Versuch der Schiffskaperung, und der gerade 15jährige RNI-Fan aus Deutschland hörte alles „live“ über Kurzwelle in Italien und schaltete zwischen dem 31- und 49-Meter-Band hin und her, während sich seine Familie nachmittags am Strand vergnügte.

Am 24. September war dann großer Katzenjammer angesagt, als RNI nach nur kurzer Vorankündigung plötzlich die Sendungen einstellte. Ich verfügte damals noch kaum über irgendwelches Insiderwissen. Die Begründung, man wolle Radio Veronica mit seinen langjährigen „Verdiensten“ dadurch schützen, leuchte mir überhaupt nicht ein und machte mich ärgerlich. Die Closedown-Sendung mit Alan West und Andy Archer musste meine Mutter für mich mit meinem Tonbandgerät aufnehmen, da ich an diesem Morgen in der Schule war. Erfreulicherweise klappte die Aufnahme trotz ihrer begrenzten technischen Kenntnisse, aber meine Trauer beim Anhören der Sendung war dann doch sehr groß.

Hugo van Gelderen, Cees van Zijtveld, Joost de Draaijer, Herman Stok und Ad Visser („Super-Clean-Dream-Machine“) hießen meine bevorzugten Diskjockeys von Hilversum III, auf das ich dann zunächst notgedrungen erneut zurückgriff. Später kamen Robbie Dale und Tom Mulder (Klaas Vaak) hinzu. Gelegentlich schaltete ich nachmittags Lex Harding und Tom Collins auf Radio Veronica ein, das aber auch in den kommenden Jahren nie mehr mein großer „Hit“ wurde. Nur „het nationale zaterdagmiddag gebeurtenis“ mit Veronicas Top 40 fand ich wegen der Jingles attraktiv.

 

1971

In Zeiten des „Nicht-Empfangs“ habe ich in fast 3 Jahrzehnten umso häufiger und manchmal sogar mehrmals täglich die Mittelwellenskala nach neuen Sendern abgesucht, nur um nichts zu verpassen… So habe ich es auch nach dem vorläufigen Ende von Radio Nordsee International gehalten. Entsprechend bin ich vermutlich auch einer der ersten gewesen, die im Februar 1971 überraschender Weise wieder ein Signal auf 1367 kHz empfingen. Zunächst traute ich meinen Ohren nicht, hörte dann aber bald eine Ansage von Karl Prior, dass man „in de toekomst nog meer van Radio Noordzee“ hören werde. Die Testsendungen und der offizielle Start am 21. Februar (damals war ich grippekrank und verfolgte die Sendungen stundenlang im Bett) hörten sich viel versprechend an, zumal sich Alan West, Stevi Merike, Tony Allan, Crispian St. John und Martin Kayne unter den Diskjockeys befanden – fast alle „Seesender-erfahren“ und Meister ihres Fachs. Nur die vielen holländischen Schlager, die jetzt sogar in den RNI-Charts Einzug hielten und deren Titel von den Engländern nur mühsam ausgesprochen werden konnten, gefielen mir gar nicht. Auch der langweilige Start der niederländischen Programme mit Joost de Draaijer und Jan van Veen am 6. März war für mich eher ein schmerzliches Zeichen, dass mein geliebtes RNI, wie ich es 1970 ständig hörte, wohl kaum wiederkommen würde. Enttäuschend war vor allem, dass es nun - analog zu Radio Veronica - an Land vorproduzierte Sendungen gab, denen das Flair der Livesendungen von Bord völlig fehlte.

Den Brandanschlag am 15. Mai habe ich nicht live im Radio verfolgt. Am nächsten Morgen erzählte mir mein Vater, in den deutschen Rundfunknachrichten sei berichtet worden, das Radio-Nordsee-Schiff habe am gestrigen Abend gebrannt. Entsprechend alarmiert stellte ich in der Tat fest, dass RNI an diesem Sonntagvormittag nicht sendete. Abends war ich dann schon beruhigter und hörte Alan West, wie er von den dramatischen Ereignissen berichtete. []

In diesem Sommer genoss ich die englischen „Summertime-RNI“-Sendungen am späten Nachmittag und am Abend mit Alan West und vor allem mit Stevi Merike. Seine abendlichen Shows stehen an der Spitze dessen, was ich selbst mit eigenen Ohren von den Seesendern mitbekommen habe. Seine lustige Präsentation, die vielen (oft hausgemachten) Jingles, Promos, verschiedene Erkennungsmelodien und meist auch die Musik waren großartig. []

Die Möglichkeit, RNI eventuell auch über UKW zu empfangen, beflügelte immer wieder meine Fantasie. Zahllose Male versuchte ich mit meinem Kofferradio oder auch im Auto ein Signal zu hereinzubekommen, hörte etwas von theoretisch möglichem Überreichweitenempfang. Doch vergebens, es gelang mir nie. An einem schönen Frühsommertag haben meine Eltern mit uns dann einen Tagesausflug ins bekannte Katwijk gemacht. Ich habe einen mit Batterien bestückten Kassettenrekorder mitgenommen und empfing dann tatsächlich an der Strandpromenade RNI auf FM! Es war gerade auch bei fahrendem Auto kein ganz stabiles, aber doch ein brauchbares Signal, und so habe ich schließlich im Wagen eine Kassette mit Ferry Maats Show am frühen Nachmittag aufgenommen, für mich ein wertvolles, kaum vergleichbares Dokument. Wenige Wochen später wollte ich mir die Aufnahme zum wiederholten Male anhören, doch da hatte sie mein Bruder Thomas schon gelöscht und mit Mal Sandocks „Diskothek im WDR“ überspielt….

In dieser Zeit begannen auch die sonntäglichen NorthSea-Goes-DX-Sendungen mit dem belgischen Sprachtalent A.J. Beirens. Zu diesem Zweck wurde die Kurzwelle von der Mittel- und Ultrakurzwelle jeweils getrennt (anfangs nur für eine Stunde, zeitweilig als „RNI’s World Service“ aber auch länger). Ich habe diese Sendungen bis August 1974 mit größtem Interesse verfolgt, meist in der Badewanne liegend und aufmerksam lauschend, vor allem bei der „Geschichte der Seesender“, die schließlich auch in deutscher Sprache von Peter und Werner Hartwig aus Emden präsentiert wurde. So gab es also auch wieder ein bisschen Deutsch in den RNI-Sendungen… Bemerkenswert waren die vielen Briefe aus der DDR, die auf eine rege Hörerschaft auch im anderen Teil Deutschlands hindeuteten.

Im Sommer bin ich für drei Wochen zu einem Sprachkurs nach Eastbourne in Sussex gefahren. Dort wohnte ich bei einer englischen Familie. Meine Gastmutter schwärmte zwar von den alten Offshore-Zeiten und erinnerte sich auch lebhaft an Radio Caroline und Radio London. RNI kannte sie zu meiner Enttäuschung aber gar nicht, und sie hörte entsprechend nur BBC Radio 1. Der RNI-Empfang an der englischen Südküste ließ allerdings auch sehr zu wünschen übrig. Ich empfing dort ein recht schwaches Signal, das eher schlechter war als bei uns zu Hause in Millingen.

Am Nachmittag des 22. November berichtete plötzlich Robbie Dale auf Hilversum III, dass seine Kollegen auf der Mebo II heute in Schwierigkeiten geraten waren. Die Ankerkette war gerissen, und man war weit abgedriftet. Jetzt gegen Abend war aber alles schon wieder in Ordnung, und ich hörte einen inzwischen wieder entspannten Nico Steenbergen von den aufregenden Ereignissen berichten. []

 

1972

Zunächst folgte dann eine hinsichtlich der Seesender weniger aufregende Zeit. RNI wurde nach meinem Geschmack ein etwas langweilig, sieht man mal von den Live-Sendungen mit Hans ten Hooge (Hogendoorn) und Leo van der Goot ab, die sich wohltuend von den meisten im Landstudio vorproduzierten Shows abhoben. Ich begann damals mehr und mehr LP-Musik von so genannten Underground-Gruppen zu hören, lieh Platten von Freunden aus und überspielte sie auf Tonbänder. Im Sommer fuhr ich mit drei Freunden zum Campingurlaub ans französische Mittelmeer, wo mir der Mittelwellenempfang der Offshorestationen im Auto nicht gelang. Abends hörten wir dort „208“ – das englische Radio Luxembourg - mit Diskjockeys wie Tony Prince, Paul Burnett oder Bob Stewart. Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht bekannt, dass sie ebenfalls auf den Schiffen vor der englischen Küste gearbeitet hatten. 

Am 30. September rückten dann die Seesender wieder mehr in den Mittelpunkt. Radio Veronica kündigte wochenlang den Wechsel auf eine neue Frequenz an. „538“ statt „192“ hieß die Losung. Zu Hause bei meinen Eltern hatte ich das Tonbandgerät startklar gemacht und wollte das Ereignis ausführlich dokumentieren. Der Empfang auf der neuen Frequenz war wesentlich besser, und ich fragte mich, warum man das nicht schon eher realisiert hatte. Dann jedoch kam plötzlich die Überraschung. „RNI 2“ meldetet sich mittags direkt nach der Frequenzumstellung auf 1562 kHz. Man hörte Tony Allan mit seinen Ansagen und fragte sich: Ist das nun die Riesenverarschung zur Verunsicherung vieler Veronicahörer, oder will man tatsächlich ein zweites RNI-Programm starten? Ich habe meine Tonbandaufnahmen jedenfalls von „RNI 2“ und nicht von „Veronica 538“ gemacht. Leider hörte man die niederländischen RNI-Sendungen unterschwellig mit, da keine saubere Trennung der beiden Signale gelang. [] Und am nächsten Morgen war der „Spuk“ sang- und klanglos wieder vorbei. Bei alledem ist völlig an mir vorbeigegangen, dass an dem besagten Samstag noch eine weitere Sensation stattfand: Erste Testsendungen von Radio Caroline von der MV Mi Amigo liefen scheinbar gut hörbar auf 259 Metern, verstummten aber wieder zunächst bis Dezember. Dass Gerard van Dams Geschichte mit dem geplanten Museum auf der Mi Amigo nur ein Trick gegenüber den Behörden war und das Schiff inzwischen schon vor der Küste lag, war mir völlig verborgen geblieben.

Schon seit 1971 gehörte ich der Freien Radio Assoziation Germany (Ernst Wronna) und inzwischen auch der Free Radio Campaign Germany (Frank Leonhardt) an. In mehrwöchigen Abständen erhielten die Mitglieder Rundbriefe bzw. die „Free Radio News“, die später zur „Radio News“ umbenannt wurden und durch die exzellenten Fotos von Theo Dencker aus Hamburg von Fans in ganz Europa geschätzt wurden. So erfuhr ich zumindest in gewissem Abstand von den jeweiligen Hintergründen, wusste entsprechend dann auch im Laufe des Herbstes 1972 von der bevorstehenden Rückkehr Radio Carolines. Die Hefte pflegte ich als wertvolle Sammlerstücke und sah sie tausendmal durch. Ich klebte Sticker in mein Zimmer, hängte Poster auf und erfuhr immer mehr von der Geschichte des Offshore-Radios. Erste Bücher zum Thema las ich gleich mehrfach. Auch verschiedene Schallplatten sollten bald folgen.

Kurz vor Weihnachten empfing ich dann in Millingen recht problemlos die provisorisch „Radio 199“ genannten Sendungen von der MV Mi Amigo und freute mich über die bekannten Stimmen von Crispian St. John und Andy Archer, die mir durch ihre Zeit auf der Mebo II sehr vertraut waren. Die Umbenennung in „Radio Caroline“ folgte noch vor Weihnachten. Die vielen niederländischen Diskjockeys an Bord ließen mich befürchten, wohl niemals mehr das „echte“ Radio Caroline der sechziger Jahre zu hören, und die zahllosen Reklamespots kleiner Werbekunden führten in den kommenden Monaten zum Beigeschmack einer oft amateurhaft anmutenden Lokalstation. Den Jahreswechsel habe ich mit bei Freunden in Bochum gefeiert. Am 28. Dezember empfing ich dort noch ein schwaches Signal von der Mi Amigo. Erst nach meiner Rückkehr zu Anfang Januar hörte ich Caroline dann wieder – und hatte somit nichts mitbekommen von der zwischenzeitlichen Meuterei an Bord und dem erzwungenen „Abstecher“ des Schiffes zurück in den Hafen von IJmuiden.

 

1973

Im Frühjahr 1973 überschlugen sich auf einmal die Ereignisse: Ein Sturm fegte die Norderney, das Sendeschiff von Radio Veronica, an den Strand von Scheveningen. In der „Rheinischen Post“, unserer heimischen Zeitung, erschien ein großer Bericht mit eindrucksvollen Bildern. Auch Radio Caroline hatte schon etwas länger geschwiegen, so dass nach dem Sturm zunächst nur RNI weiter aktiv war. Was sollte nun aus der großen Veronica-Demonstration am 18. April in Den Haag werden? Ich hörte dann rechtzeitig ein Signal von der MV Mi Amigo und war irritiert, als sich aber Radio Veronica auf 259 Metern meldete. Die auf mich eher bieder-konservativ wirkenden Veronicaleute hatten sich also beim Oberhippie Ronan O’Rahilly eingekauft, rührten kräftig die Werbetrommel für die Demonstration und bezahlten für Carolines künftige neue Sendeanlage. Pünktlich zum 18. April zog man die Norderney wieder auf See und begann auch wieder auf „538“. Alles schien wieder perfekt, und ich hegte Hoffnungen, dass das Anti-Piratengesetz nun vielleicht doch nicht vom niederländischen Parlament verabschiedet würde. 

Durch die unverhofften Einkünfte konnte Radio Caroline im Frühjahr dann sogar auf zwei Frequenzen parallel senden. „389“ verbreitete das hörenswerte englische Programm mit Paul Alexander [], Robin Adcroft (Banks) und Steve England, „259“ sendete das holländische „Radio Caroline 2“. Auch in diesem Frühsommer war ich (ganz links auf dem Foto) wieder mit zwei Freunden in Frankreich. Als wir noch im Juni mit einem VW-Käfer über die holländischen und belgischen Autobahnen fuhren, hörten wir bei bester Laune und Superwetter Radio Caroline auf 773 kHz („389“), das uns von der Musikauswahl am besten gefiel. Der Empfang im Auto war spitze. Leider sollte die Parallelabstrahlung beider Carolineprogramme nur eine kurze Episode darstellen. An der südfranzösischen Atlantikküste in der Nähe von Biarritz empfing ich dann mit dem Kurzwellenteil des Autoradios RNI und hörte den Beginn der „Hou’m in de lucht“-Kampagne, die zwar wesentlich schwachbrüstiger als „Veronca blijft – als U dat wilt“ schien. Aber die Jingles und Promos machten doch einen viel versprechenden Eindruck. Es kam somit doch ein bisschen Kampfesstimmung bei mir auf, auch wenn RNI inzwischen nicht mehr meine erste Wahl war. 

Nach der Rückkehr aus Frankreich war ich dann umso perplexer, als nun völlig unerwartet „Radio Atlantis“ mit mehreren, für meine Ohren etwas befremdlich klingenden flämischen Diskjockeys von der Mi Amigo sendete. Die Frequenz des von flämischen Schlagern und schrecklicher Werbung geprägten Senders wurde zunächst fälschlich mit „385“ angegeben. Der Empfang der offensichtlich vorproduzierten Sendungen war in unserer Region zwar prächtig. Aber wesentlich besser gefiel mir dann doch am Abend auf derselben Frequenz „Radio Seagull“, ein alternativer, vorrangig „Alben“ auch unbekannter Gruppen spielender Sender, der von Andy Archer und Norman Barrington-Smythe dominiert schien. Die langhaarig-unangepassten, mehr am Rande der Gesellschaft stehenden Hippies hatten nun endlich ihr eigenes Sprach- oder besser noch: Musikrohr. Die englischen RNI-Sendungen, zu denen nun auch der (ansonsten von mir geschätzte) ‚Daffy’ Don Allen mit seinem nach meinem Geschmack fürchterlichen Countryprogramm gehörte, fand ich im Vergleich dazu kaum mehr hörenswert – und das im doppelten Wortsinn: Der abendliche und nächtliche Empfang auf 1367 kHz (220 Meter) war im Westen der Bundesrepublik überaus mies, und der Kurzwellenempfang gelang bei Dunkelheit so gut wie gar nicht.

Nach wenigen Monaten knickte dann zum wiederholten Male der Mast auf der MV Mi Amigo um, woraufhin der belgische Waffelbäcker Sylvain Tack als neue Finanzspritze zum Jahresende mit seinem neuen „Radio Mi Amigo“ die Nachfolge seines Landmannes und Boutiquenbesitzers Adriaan van Landschoot antreten sollte. Am 1. Weihnachtstag hörte ich dann vom neuen Mast (der bis zum Untergang der Mi Amigo – und selbst noch danach – standhielt!) eine wunderschöne Testsendung auf „259“ mit Andy Archer und Norman Barrington. Die Mannschaft an Bord schien offensichtlich gut gelaunt und voller Zukunftspläne. Man nahm Kontakt auf mit der Mebo II und veräppelte immer wieder den RNI-DJ Mike Ross mit vielen gut gemachten „Toad“-Promos.

 

1974

Am Neujahrstag 1974 ich Radio Mi Amigos Eröffnungssendung mit Will van der Steen zwar mit sehr kräftigem Signal, das jedoch von bemerkenswert kurzer Dauer war, denn die Ausstrahlung wurde schon während der ersten Stunde wegen Generatorproblemen abgebrochen. Dem Fehlstart folgten dann aber unerwarteter Weise fast 5 weitere Jahre, und gerade Radio Mi Amigo sollte mich somit noch lange und intensiv begleiten. 

Zu dieser Zeit stand ich kurz vor dem Abitur, und ich hatte das Privileg, dass ich den alten VW-Käfer von meiner schon erwähnten Tante Gisela besonders günstig übernehmen konnte. So fuhr ich in der ersten Jahreshälfte häufig mit eigenem Auto zur Schule und hatte natürlich ein Radio mit gutem Mittelwellenempfangsteil eingebaut. Damit erreichte ich gerade bei schwachen Sendern oft bessere Ergebnisse als mit meinem Kofferradio. Meist suchte ich während der Fahrt die ganze Skala ab – man konnte ja nie wissen. Und so empfing ich dann im Januar auch die ersten Signale des wieder auferstandenen Radio Atlantis, das jetzt mit der MV Jeanine ein eigenes Schiff benutzte und somit nicht mehr auf die Mi Amigo angewiesen war. Crispian St. John hatte schon wieder den Arbeitgeber gewechselt… Radio Atlantis wurde bekanntermaßen zu einem Riesenspaß für alle Beteiligten. Dabei stachen die englischen Sendungen besonders hervor, die live vom Schiff abends und in der Nacht gesendet wurden. Ich habe den Werdegang des Senders bis Ende August ständig verfolgt – gerade auch wegen der Empfangsprobleme und der immer wieder wechselnden Frequenzen. Die Shows sprühten vor Witz, Lockerheit und Spontaneität. Andy Anderson, Dave Owen, David Rogers und vor allem Steve England mit seinen unzähligen Jingles und Promos ließen den Spaß am Radiomachen ganz deutlich erkennen und waren ein absolutes Offshore-Highlight. [] Die Sendungen profitierten offensichtlich auch davon, dass nicht der große kommerzielle Erfolgsdruck dahinter stand, wie er bei Veronica und RNI spürbar war. Besonders habe ich die Atlantis-Sendungen kurz vor Toresschluss in der zweiten Augusthälfte genossen, als die flämischen Sendungen wegen des unmittelbar bevorstehenden Inkrafttretens des holländischen Anti-Piratensender-Gesetzes bereits eingestellt waren und die Jungs an Bord rund um die Uhr live senden konnten.

Noch mehr Freude hatte ich aber an den englischen Sendungen von der Mi Amigo. Radio Seagull wurde im Februar nun doch wieder in Radio Caroline umbenannt, das nun in den kommenden Jahren als „Europe’s First And Only Album Station“ unter Musikfreaks Furore machte und den eigenwilligen Seagull-Stil der Sendungen weitgehend beibehielt. Durch die finanzielle Unterstützung Radio Mi Amigos entstanden offensichtlich die nötigen Freiräume, die von den englischsprachigen Deejays an Bord durchweg positiv genutzt wurden und in hörenswerte Sendungen mündeten. Aber auch die englischsprachigen Sendungen von Radio Mi Amigo am Vorabend bereiteten mir viel Freude. Norman Barrington, Brian Anderson und bei Caroline Andy Archer, Johnny Jason, Graham Gill (warum war er nur von der komfortablen Mebo II zur Mi Amigo gewechselt?), Robb Eden und Mike Haggler waren meine Stars in diesem Frühjahr und Sommer. Besonders Andy fühlte sich offensichtlich sehr wohl an Bord. Er machte immer wieder Bemerkungen zur Atmosphäre auf der Mi Amigo, sprach ohne Pathos von der „Caroline-Family“, war dabei witzig und locker und spielte vor allem „andere“ Musik, die man nirgendwo sonst hörte. Nie werde ich vergessen, als er am 26. August zu Beginn seiner Sendung provozierend sagte: „Mijnheer van Doorn, ik heb een bootschap voor U: Caroline blijft in de lucht!“
[]  Damit war der niederländische Minister gemeint, der für das unmittelbar bevorstehende Verschwinden der Seesender verantwortlich zeichnete. Für alle Fans war dies die verlässliche Kampfansage: Caroline wird weitermachen, im Gegensatz zu allen anderen und genau wie 1967!

Nach meinem Abitur zu Anfang Juni bin ich mit einem guten Freund einen Monat lang kreuz und quer durch Schweden und Norwegen gefahren und habe dort die Seesender und das Radiohören nahezu vergessen. Auf den Campingplätzen haben wir die Fußball-WM in der Bundesrepublik verfolgt und gemeinsam mit vielen holländischen Fans die westdeutsche Mannschaft schließlich gewinnen sehen. Erst bei der Rückfahrt am 13. Juli entlang der dänischen Nordseeküste nahm ich dann zumindest war, dass RNI und Radio Veronica weiterhin „on the air“ waren. So hörten wir im Auto laut die Nordsee Top 50 mit Ferry Maat. 

Bislang waren die Seesender für mich ein ziemlich autistisches Hobby. Ich hatte zwar schriftliche Kontakte mit verschiedenen Organisationen, machte Bestellungen und las die einschlägigen Radiohefte. So wusste ich auch von zahlreichen deutschen Fans, kannte aber niemanden von ihnen persönlich. Die meisten meiner Bekannten und auch meine damalige Freundin hatten nur begrenztes Verständnis für mein Interesse an den „Piraten“. Da hätte sich das Ende der niederländischen Sender angeboten, an dieser „Kontaktstörung“ etwas zu ändern, etwa nach Scheveningen zu fahren, um sich mit vielen anderen Fans zu treffen. Doch daraus wurde nichts. In den Wochen vor dem ab November geplanten Zivildienst arbeitete ich in einem Büro des Siemens-Turbinenwerks in Wesel. Diese Tätigkeit unterbrach ich für eine Woche zu Ende August, um meine damals in Grindelwald im Berner Oberland (Schweiz) urlaubenden Eltern zu besuchen. In diese Zeit fiel dann auch der besagte 31. August. Ich bekam also vom letzten Tag zunächst überhaupt nichts mit, wanderte stattdessen mit meiner Familie zwischen muhenden Kühen auf Höhenpfaden und verpasste alle Abschiedssendungen. Erst in der Nacht habe ich dann in unserer Dachkammer im Hotel erfolgreich Radio Caroline auf 1187 kHz („259“) empfangen und Tony Allan seine (im Vergleich zu Johnnie Walker wenig enthusiastische) Ansage um Mitternacht gehört. Ein wohltuendes Gefühl!

In den Spätsommerwochen bin ich wegen der Arbeit meist schon morgens um 5 Uhr aufgestanden und habe dann beim Frühstück die letzte Stunde der Nachtsendungen von Radio Caroline gehört. Unzählige Male hörte ich dann zum Sendeschluss um kurz vor 6 Uhr „New Riders of The Purple Sage“ mit „On My Way Back Home“, ein schnulziges, aber ins Ohr gehendes Lied, das für mich zur wahren Carolinehymne wurde. Es folgte danach die sprachbegabte Haike Dubois auf Radio Mi Amigo, die meist auch eine Ansage auf Deutsch machte… []

Zu Ende Oktober war dann Abschied angesagt: Ich zog nach Münster (Westfalen), begann den Zivildienst im Operationsbereich des Hüfferstifts, der Orthopädischen Universitätsklinik. Abschied nehmen nicht nur von den Eltern und Geschwistern, sondern auch von meinen langjährigen, lieb gewonnen Hörgewohnheiten. Die Empfangsqualität war in Münster doch wesentlich bescheidener. Dennoch verging kein Tag ohne Radio Mi Amigo und Radio Caroline, zumindest im Auto.

Zu Weihnachten erlaubte ich mir das tolle Buch „Offshore Radio“ von Gerry Bishop, aus dem ich viel über die Seesender-Geschichte lernte. Die gestochen scharfen Fotos stimmten mich etwas wehmütig. Man hatte fälschlicher Weise das Gefühl, das nun wohl nicht mehr viel folgen sollte…

 

1975

Das neue Jahr verlief „rundfunkmäßig“ etwas weniger aufregend. Radio Caroline hatte durch das Inkrafttreten des niederländischen Gesetzes und die Rückkehr zur englischen Küste einen erheblichen Aderlass an bekannten Diskjockeys erlitten. So war oft nur eine kleine Mannschaft an Bord, die seltener ersetzt wurde. Die Versorgung des Schiffes war nun deutlich komplizierter geworden, was sich leider auch an der Qualität der Sendungen zeigte, die weiterhin live an Bord produziert wurden. Radio Mi Amigo setzten vor allem die belgischen Behörden sehr zu, so dass sich Sylvain Tack mit einigen Diskjockeys zur „Flucht“ nach Playa de Aro in Spanien entschloss. Dies führte zu einer Verbesserung der Mi-Amigo-Programme, die nun einheitlicher klangen und von Peter van Dam, Bert Bennett, Joop Verhoof und Stan Haag recht professionell produziert wurden. Dennoch waren die Musik und vor allem die Werbung oft schwer erträglich für die Ohren junger Hörer, die nicht aus Flandern oder den Niederlanden stammten. 

Während meiner Zivildiensttätigkeit hatte ich mich zu Anfang des Jahres in eine Krankenschwester verliebt. So habe ich dann im Frühjahr mit meiner neuen Freundin Ulrike (mit ihr bin ich inzwischen 27 Jahre verheiratet!) einen einwöchigen Urlaub in der Provinz Zeeland an der südholländischen Küste sowie in Flandern (Brügge, Gent, Antwerpen) verbracht. So fuhren wir mit dem Auto die belgische Küste entlang und hörten auf der Fahrt sowie auf den Campingplätzen immer wieder Radio Mi Amigo bzw. abends Radio Caroline. Das Signal kam hier an der Küste natürlich fast wie ein Ortssender herein.  Ulrike fiel mir schon damals durch ihre offenbar große Toleranz angenehm auf, lauschte sie doch geduldig und nicht ohne Verständnis meinen begeisterten Erzählungen von den Abenteuern und Skurrilitäten der Seesender. Sie zeigte sich allenfalls etwas irritiert über meine schier ungebremstes Interesse an den Offshore-Stationen, die sich auch durch fremdartig anhörende Werbung etwa für „Suzy Wafels“, „Joepie“, „Juwelier Zwitserland“, „Autobanden de Sprint“ oder „Miss Sheila – daar wordt je de mooiste bruid“ nicht schmälern ließ. Ulrike war somit der erste Mensch in meiner Umgebung, den ich so richtig in die „Geheimnisse“ meines Hobbys einweihte und dem ich auch stundenlanges Mithören (vergleichbar vielleicht mit Passivrauchen?) zumutete.

Mein inzwischen gerade 18 Jahre alt gewordener Bruder Thomas wollte in diesen Sommerferien mit einem Freund eine Interrail-Reise kreuz und quer durch Europa machen. Dabei stand auch „Spanien“ auf ihrer Liste. Ich konnte ihn nach einigen Überredungsversuchen davon überzeugen, dass Playa de Aro an der Costa Brava ein besonders sehenswerter Ort war, der einen Besuch auch deshalb lohnte, weil man dort die quasi „im Exil“ lebenden Mi-Amigo-Diskjockeys „in action“ beobachten konnte... Und tatsächlich sind die beiden dann auch in den damals noch auf dem Berg Mas Nou gelegenen Studios gelandet. Thomas hat dort schöne Dias gemacht, die ich schon vor Jahren auf meiner Internetseite veröffentlicht habe. Auch wenn er selbst nur mäßig am Thema Seesender interessiert war und ist, hat er mir doch niemals Vorhaltungen gemacht, dass ich ihn zu diesem Trip „angestiftet“ habe. Spätestens nach dieser Reise hatte ich ihm auch vollkommen verziehen, dass er vier Jahre zuvor meine Radio-Nordsee-UKW-Aufnahme gelöscht hatte…

 

1976


Im April begann ich ein Medizinstudium an der Münsteraner Universität. Ich hatte in den kommenden Jahren durchweg sehr viel zu lernen und saß daher oft wochenlang am Schreibtisch. Immer wieder unterbrach ich die Lernerei, indem ich kurz zum Radiogerät oder meinem (inzwischen von meinen Eltern übernommenem) Tuner lief, um zu kontrollieren, ob Mi Amigo bzw. Caroline noch auf Sendung waren. An den Wochenenden besuchte ich oft meine Eltern am Niederrhein und verband dies natürlich mit zahlreichen Empfangsversuchen im Auto und im Wohnzimmer des Elternhauses. Dort warteten dann auch die neuesten Free-Radio-Hefte auf mich. Die zahlreichen Publikationen, die ich inzwischen abonniert hatte, waren mir so wertvoll, dass ich mich zunächst nicht traute, sie nach Münster umzubestellen. Denn dort wären sie möglicher Weise im Hausflur des Studentenwohnheims verloren gegangen, wenn der Postbote sich im Kasten geirrt hätte…

Zu Ostern war ich im Elternhaus meiner Freundin in Meppen (Emsland) zu Gast. Auf meiner Fahrt dorthin hörte ich natürlich wie üblich Radio Mi Amigo. Eine schöne Neuerung waren die holländischen Livesendungen mit Tim Ridder (zunächst wusste ich noch nicht, dass es sich um Bart van Leeuwen von Radio Veronica handelte, wie er sich einige Wochen später dann auch nannte) und Jan van der Meer (Rob Hessing). Sogleich kam mehr Schwung in die Sendungen, da man nun doch mehr von der Atmosphäre an Bord erfuhr.

Am 1. April nannte sich Radio Mi Amigo einen Tag lang Radio Veronica, und man versuchte, den alten Veronica-Sound mit entsprechenden Jingles und den ohnehin ja von Veronica abstammenden Bart van Leeuwen und Stan Haag wiederzubeleben. Gut dass es sich nur um einen Aprilscherz handelte. Mi Amigo war mir inzwischen mehr ans Herz gewachsen.

Im Mai begann Radio Caroline tagsüber auf „192“, der alten Veronica-Frequenz. Es handelte sich um ein separates englischsprachiges Programm, das wegen der niedrigen Sendeleistung zwar wesentlich schlechter als Radio Mi Amigo zu empfangen war, von mir aber auch in Münster vor allem im Auto doch regelmäßig gehört wurde. 

Im Juni fielen mir die etwas peinlich wirkenden Lobpreisungen der neuen LP der Loving-Awareness-Band auf, die gar als „The New Beatles“ angekündigt wurde. Dabei schien doch eigentlich nur Ronan O’Rahilly eine Vorstellung davon zu haben, was denn nun „LA“ zu bedeuten hatte und warum diese Band nun so bahnbrechend sein sollte. Irgendwie erinnerte es an seinen „Gold“-Film vor vier Jahren, der ein völliger Flop wurde.

In den vergangenen Jahren hatte die Musikkassette ihren Siegeszug angetreten Sie löste weltweit immer mehr die alten Tonbänder ab, da sie wesentlich kleiner und handlicher war und daher auch im Auto abgespielt werden konnte. Ich kaufte mir in diesem Jahr sowohl ein modernes Tapedeck als auch ein neues Tonbandgerät von Akai. In den folgenden Jahren ging ich somit doppelgleisig vor, machte also sowohl Kassetten- als auch weiterhin (hochwertigere) Tonbandaufnahmen. Ich probierte alle möglichen Handelsmarken aus, benutzte sowohl Billigware als auch teure Markenkassetten und –bänder. In den kommenden Jahrzehnten leistete ich mir nach und nach mehrere neue Kassettenrekorder und ärgerte mich fortlaufend über leiernde Bänder, verschmutzte Tonköpfe und den von Jahr zu Jahr dumpfer werdenden Klang. Für mehr als zwei Jahrzehnte hörte ich im Auto nun nicht mehr nur „live“, sondern auch vorher von mir aufgenommene oder meist in den Niederlanden oder Großbritannien bestellte Kassetten mit Aufnahmen der Seesender.

Zu Ende Juli stand ein weiterer Campingurlaub in Skandinavien an. Die ersten Tage waren für mich durch eine Grippe beeinträchtigt, so dass Ulrike und ich eher  notgedrungen zunächst zwei Tage auf einem Campingplatz in Nordstrand an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste verbrachten. Ich erinnere noch gut, wie wir mittags Pommes frites und Aal im Auto verspeist haben und dazu eine der allerersten „Baken 16“-Livesendungen auf Radio Mi Amigo hörten, die von Bart van Leeuwen und Marc Jacobs präsentiert wurden.

Im September bin ich mit meiner Mutter für eine Woche in der damaligen DDR gewesen - ohne Radio. Während dieser Zeit geriet die MV Mi Amigo in Seenot: Man driftete auf eine Sandbank, und das Mi-Amigo-Studio lief voll Wasser. Die Notizen meines Bruders Thomas zeugen von seinen damaligen Sorgen um das Radioschiff. Als ich dann am 16. September zurückkehrte, nahm Radio Mi Amigo seinen Sendebetrieb wieder auf, und am nächsten Mittag hörte ich Marc Jacobs' Schilderung der dramatischen Ereignisse in "Baken 16". Damit war eine Boje in der Nähe der MV Mi Amigo gemeint. Die Show war längst zu meiner Lieblingssendung geworden. Drei Jahre lang begeisterte ich mich mittags vor allem über Marc Jacobs, dessen Präsentationsstil von seiner unbändigen Energie, intelligenten Ideen und spontanem Witz lebte. Er erzählte ständig von Neuigkeiten an Bord und band seine Kollegen in die Sendung ein, selbst Maschinisten, Techniker und Köche wie Otto, Luc Watermans und Kees Borrel. Wenn Marc an Bord war (und das erstreckte sich bei ihm oft über Monate), war für gute Laune und Unterhaltung gesorgt. Er sang mit Frank van der Mast das „Mi-Amigo-Strijdlied“, erzählte von heftigen Stürmen, Löchern im Schiffsbug und persiflierte die „Wespenplage“ auf dem Schiff. []

 

1977

Pfingsten verbrachten wir mit mehreren Freunden auf der ostfriesischen Nordseeinsel Norderney. Dort kamen Caroline und Mi Amigo (beide hatten inzwischen die Frequenzen gewechselt) superstark herein. Bei herrlichem Sonnenschein fuhr ich mit meinem VW-Käfer über die Insel und hörte James Ross und Mark Lawrence auf „Caroline on 319“ (953 kHz).

Ich hatte zu dieser Zeit von Kurzwellensendungen gehört, die Robin Banks abends und nachts von der inzwischen nach Libyen verlegten Mebo II sendete. Und tatsächlich empfing ich dann seine Testansagen – umrahmt von der der geliebten RNI-Erkennungsmelodie „Man of action “- in brauchbarer Qualität mehrmals in Münster. [] Ein komisches Gefühl: Der ehemalige Seesender gehörte nun Ghaddafi, wurde für religiös gefärbte Propaganda benutzt, sendete aber stundenweise vertraute Musik mit Ansagen eines alten Offshore-Veteranen…

Im Hochsommer zelteten Ulrike und ich an der französischen Atlantikküste. Auf der Rückfahrt zu Anfang August machten wir auf einem Campingplatz unweit von Paris halt. Dort hörte ich zum ersten Mal Radio Mi Amigo auf der neuen Frequenz 1412 kHz (212 m). Auch zu Hause in Deutschland schien der Empfang nun deutlich besser als zuvor auf 1562 kHz - trotz der auf der Nachbarfrequenz 1421 kHz beheimateten Europawelle Saar. 

Am 14. August hörte ich die schöne Caroline-Mi-Amigo-Erinnerungssendung an den Closedown der englischen Seesender mit Stuart Russel (Nigel Harris) und Marc Jacobs). Man tat so, als ob man "live" nach Heathrow schaltete zum dortigen Nostalgie-Treffen "Flashback '67" im Hilton Hotel. In Wirklichkeit hatte Robbie Dale die Interviews schon am Vorabend aufgezeichnet. Leider war der Empfang nach etwa einer Stunde bei einsetzender Dunkelheit sowohl auf 962 als auch 1412 kHz doch sehr gestört. Drei Tage später war dann im holländischen Fernsehen die von Radio Veronica produzierte Dokumentation „The Day The Music Died“ zu sehen, eine faszinierende Mischung aus Offshore-Videobildern, Musik und Interviews. Ein Videorekorder war weit und breit noch nicht in Sicht, und so schnitt ich in meinem Elternhaus zumindest den Ton mit. Mit seinem Gesicht unerkennbar im dunklen Schatten wies Frank van der Mast in der Sendung auf Radio Mi Amigos Frequenzwechsel hin – ein Auftritt eines echten „Piraten“ im Fernsehen, der meine Fantasien anregte. Fotos hatte man von den Bord-Deejays noch nie zu sehen bekommen, da sie durch die Behörden dann womöglich noch schneller zu identifizieren gewesen wären.

In der Vorweihnachtszeit fanden die 24stündigen Caroline-Sendungen dann leider nach anderthalb Jahren ein Ende. Man war schon vor Monaten auf 963 kHz gewechselt, und diese Frequenz erwies sich als so günstig, dass sie künftig tagsüber von Radio Mi Amigo und nachts von Radio Caroline benutzt wurde. Ich hörte Mi Amigos Beginn auf „319“ mit Herman de Graaff und war doch recht enttäuscht über den „Verlust“. Andererseits hatten sich meine Holländischkenntnisse inzwischen noch weiter verbessert, und die Live-Sendungen von Radio Mi Amigo waren längst so etabliert, dass es mir auch Freude machte, etwa Hugo Meulenhof, Rob Hudson oder Johan Visser zuzuhören.

 

1978

Inzwischen las ich immer häufiger, dass die Seetüchtigkeit der MV Mi Amigo deutlich gelitten hatte und immer häufiger größere Mengen Beton zum Stopfen verschiedener Lecks im Schiffsrumpf benötigt wurden. Schon seit Monaten vermisste ich Marc Jacobs, der das Schiff scheinbar aus  Protest wegen der schlechten Versorgungslage gemeinsam mit mehreren Kollegen verlassen hatte, jetzt im Frühjahr aber doch wieder zurückkam. Im August hörten Ulrike und ich im Auto Radio Mi Amigo, als wir auf dem Rückweg von einer erneuten Skandinavienreise in Trelleborg (Südschweden) auf die Fähre nach Travemünde warteten. Marc Jacobs war zu alter Form zurückgekehrt, und auch in Playa de Aro (Ton Schipper hatte schon vor Monaten Stan Haag ersetzt) schien nach einigem Ärger wieder Ruhe eingekehrt. 

Zu Hause bei meinen Eltern am Niederrhein empfing ich im Sommer mit beträchtlichem Aufwand Radio Delmare, einen neuen, eher amateurhaft wirkenden Seesender von der MV Aegir vor der holländischen Küste. Man sendete auf 1562 kHz, und das Signal konnte ich in Deutschland nur mit Hilfe zusätzlicher Erdungs- und Antennendrähte bzw. noch am besten im Auto empfangen. Tatsächlich gelangen mir mehrere Stunden brauchbarer Tonbandmitschnitte, auf denen man die Stimmen von René de Leeuw und Astrid Jager identifizieren kann und die schöne Erkennungsmelodie „The eve of the war“ von Jeff Wayne hört. Radio Delmares Abenteuer war nach einigen Wochen zunächst schon wieder beendet, als die Ankerkette riss, das Schiff in Seenot geriet und man in nationale Gewässer geriet.

Auch Radio Mi Amigo kam durch Generator- und andere Probleme im Oktober zu einem abrupten Ende, das ich aber wegen meines Studiums nicht live mitverfolgen konnte. Es folgte ein halbes Jahr ohne Seesender, und man dachte nun doch, das Ende einer Ära sei nun gekommen.

 

1979

Doch nichts dergleichen: Nachdem monatelang verschiedene Gerüchte kursierten, verschiedene Delmare-Schiffe beschlagnahmt worden waren, „Radio Hollandia“ doch nicht wie gemunkelt die Nachfolge von Radio Mi Amigo angetreten hatte und schließlich die Besatzung auf der Mi Amigo aus höchster Seenot evakuiert werden musste, stand Radio Caroline auf wie Phoenix aus der Asche. Am Ostersonntag traute ich meinen Ohren nicht, als ich morgens (nachdem ich wie hoffnungsvoll die Mittelwellenskala abgesucht hatte) Tony Allan hörte, der den Hörern versehentlich ein „vroolijk Kerstfeest“ wünschte. [] Man sendete künftig tagsüber ein niederländisches Carolineprogramm, das recht flott und straff präsentiert wurde. Vor allem Paul de Wit (Erik de Zwart), Rob Hudson und Ad Roberts gaben sich alle Mühe Radio Mi Amigo vergessen zu machen. Nachdem im Frühjahr auch noch Marc Jacobs mit „Baken 16“ zurückkehrte, schien alles wieder im Lot und die Zukunft gar nicht so unsicher wie befürchtet. Abends lief in gewohnter Weise das englische Programm mit LP-Musik.

Inzwischen benutzte ich bei Besuchen im Elternhaus meist den "Nordmende Tansita Spezial" meines Vaters und ließ meinen altgedienten Touring International in Münster.

Am Pfingstwochenende zelteten wir auf der westfriesischen Nordseeinsel Ameland (Camping Duinoord). Schon als wir im Auto auf dem Festland auf die Fähre warteten, war ich begeistert über den im Vergleich zu Münster doch wesentlich besseren Empfang. Auf der Insel kam Radio Caroline wie ein Ortssender herein, und so war so manches Radiogerät auch anderer Touristen auf dem Campingplatz auf „319“ eingestellt.

Im Juni heirateten Ulrike und ich. Wenige Wochen später besuchten wir auf unserer Hochzeitsreise die in der Südbretagne gelegne Insel Belle-Île en mer, wo ich mittags im Auto Radio Caroline mit Paul de Wit zumindest identifizieren konnte. Es war immer ganz beruhigend zu wissen, dass man noch weiter sendete... Zu diesem Zeitpunkt wurde es plötzlich immer munterer auf der Nordsee. Radio Delmare kam für wenige Monate mit der MV Martina zurück, und ich begann erneut meine Empfangsversuche, denn das Signal war keineswegs besser. Ziemlich kurios wurde es dann ab Mitte August, als der Techniker Johan Rood wochenlang allein auf dem Schiff saß und Kapitän, Matrose, Sendetechniker und Diskjockey in einer Person war. Sein Signal war zumindest auch am Niederrhein so gut zu empfangen, dass ich verstand was los war und ihm fasziniert zuhörte. []  

Auch Radio Mi Amigo kam zurück. Die MV Magdalena war aber eine alte Rostbeule, die deutlich seeuntüchtiger war als die MV Mi Amigo. Trotz der Anwesenheit von Ferry Eden gelang es den Diskjockey an Bord nicht, die alte Mi-Amigo-Atmosphäre wieder herzustellen. Die neuen Jingles klangen langweilig und die Shows wenig ansprechend. Insofern war ich nicht so traurig, als dieser Seesender ebenfalls im Spätsommer wieder die Segel strich. Immerhin hatte ich aber in Münster durchweg ein recht gutes Signal empfangen und so manche Tonbandaufnahme gemacht.

 

1980

Spätestens im Winter hatte ich das untrügliche Gefühl, dass es mit der mal wieder allein übrig gebliebenen MV Mi Amigo doch weiter bergab (oder besser: in die Tiefe des Meeres) gehen würde. Die Sendungen hörten sich zunehmend amateurhaft an, und die bekannteren Diskjockeys hatten bis auf Ad Roberts das bald sinkende Schiff längst verlassen. Als Ulrike und ich im Februar einige Tage auf Norderney verbrachten, hörten wir Shows von Hugo de Groot und Peter de Vries, die mir eher Wehmut bereiteten und frühere Zeiten herbeisehnen ließen. Auch die zahlreichen belgischen Werbespots von Sebastiaan Peters erhöhten den Hörgenuss keineswegs. 

Nur das englische Programm schien weiter trotzig-unbeirrt und klang „alternativ“ wie eh und je in den vergangenen Jahren. Aus den Jahren 1976 bis 1980 sind mir besonders Stevie Gordon [], Mike Stevens, Mark Lawrence, Ed Foster, Tom Anderson, Stuart Russel, Roger Matthews, Kenny Page, James Ross, Richard 'Buzby' Thompson und Tom Hardy in bleibender Erinnerung mit ihrer tollen Musik und dem relaxten Präsentationsstil. Sie schafften mit wenig Aufwand im Studio und viel eigenem Talent ein unverwechselbares Beispiel dafür, wie modernes Musikradio für jüngere Hörer klingen musste (aber in Europa kaum je realisiert wurde).

Es kam dann wie es kommen musste: Bekanntermaßen sank die MV Mi Amigo bei stürmischer See im März 1990, und die verbliebene kleine Crew musste in einer dramatischen nächtlichen Rettungsaktion von Bord geholt werden. Ich bekam davon nichts mit, sah auch nicht die Videobilder in der ARD-Tagesschau, sondern erfuhr vom Ende des Sendeschiffes – wie vor den Kopf gestoßen - erst durch eine lapidare kleine Meldung in der Tageszeitung. Meine Gefühle waren damals zwiespältig. Trauer mischte sich mit einer gewissen Erleichterung, dass ich nun davon „befreit“ schien, ständig zu überprüfen, ob man noch „on the air“ war, die Signalstärke einzuschätzen und je nach Befund Bandaufnahmen zu machen… Kurze Zeit danach erhielt ich Mitschnitte der letzten Sendestunden, die ich wieder und wieder anhörte, verbunden mit dem Einschätzung: Nun ist es wohl endgültig vorbei.

Schnell stellte sich heraus, dass ich doch nicht von meinem Hobby lassen konnte und wollte. Meine Sammlung an Tonbändern und Kassetten war inzwischen recht stattlich, und ich bekam immer mehr Zeitschriften und Bücher zum Thema „Free Radio“. Die Gerüchte verstummten nicht, dass Radio Caroline „größer und stärker als je zuvor“ kurz vor der Wiederauferstehung stand. Aber das öde Rauschen auf allen bekannten Seesenderfrequenzen blieb zunächst doch sehr konstant.

 

1981-83

Am 23. Juli wurde unser Sohn David geboren. Einige Tage später - Ulrike lag noch im Wochenbett im Hiltruper Krankenhaus, suchte ich nachmittags auf dem Receiver im Wohnzimmer unserer Münsteraner Wohnung mal wieder die Mittelwellenskala ab. Auf einer sonst in der Regel „stillen“ Frequenz hörte ich heute in sehr guter Qualität non-stop-Popmusik, darunter auch vereinzelte holländische Titel. Das wird ein besonders starker Landpirat sein, dachte ich und vergaß es während der kommenden Tage. Dabei hatte ich unwissend einen neuen Seesender empfangen – Radio Paradijs von der MV Magda Maria. Der Sender ist vor allem durch seine Kurzlebigkeit von nur 9 Tagen Sendebetrieb in die Radiogeschichte eingegangen, da dann schon die Behörden eingriffen…

In den beiden folgenden Jahren vermehrten sich die Hinweise auf die angebliche „MV Imagine“, mit der Radio Caroline einen Neustart versuchen wollte. Selbst einige Schwarzweißbilder in mäßiger Qualität wurden veröffentlicht, aber ich blieb skeptisch. 

Inzwischen bestellte ich regelmäßig Kassetten, Schallplatten, Tonbänder, Poster, Fotos, Dias und Bücher zum Thema „Offshore Radio“ vornehmlich in den Niederlanden und in England. Auch Peter Messingfeld bot interessantes Material an und schickte regelmäßig ein informatives Beiheft. Hans Knot aus Groningen schrieb meist ein paar persönlich gehaltene Sätze in seinen Begleitschreiben. Bei ihm bestellte ich 12 Tonbänder mit 69 Stunden „Geschichte der Seesender“. Das große Paket war dann beim Zollamt nur gegen 46,- DM Zollgebühr abzuholen. Ich protestierte heftig in der zuständigen Münsteraner Amtsstube und hatte schließlich Erfolg. Man begriff mühsam, dass es sich hier nicht um hochwertige teure Bänder sondern um Hobbymaterial handelte, das unter Freunden für einen günstigen Preis weitergeben wurde.

Die Studienzeit ging nun ihrem Ende entgegen, und im November 1982 bestand ich das 3. medizinische Staatsexamen und promovierte wenige Wochen später. Ab Januar 1983 arbeitete ich als Assistenzarzt in der Klinik für Psychiatrie der Universität Münster. Meine Ehefrau studierte zu diesem Zeitpunkt im zweiten Bildungsweg Psychologie und wollte später Psychotherapeutin werden. Dies tat ihrem Verständnis für mein eigenwilliges Hobby sicherlich keinen Abbruch... Wir wohnten nun in Münster-Hiltrup und hatten wahrlich genug Arbeit, zumal uns auch unser Sohn entsprechend forderte. Dennoch vergaß ich mein Radiohobby nie. Ich kaufte mir von einem meiner ersten Gehälter einen neuen Weltempfänger, den Grundig Satellit 300.

Wegen der ständigen Gerüchte suchte ich auf der Mittelwelle permanent nach ersten „verdächtigen“ Signalen. Dennoch verpasste ich den Neustart Radio Carolines von der MV Ross Revenge um wenige Tage. Am Sonntagabend, dem 21. August 1983 traute ich vor dem Zubettgehen (das neue Gerät stand nämlich auf meinem Nachttischchen) meinen Ohren nicht: Ich hörte Dixie Peach mit einer Stationsansage von Radio Caroline auf 963 kHz („319“) – also einen Tag nach dem offiziellen Beginn.

Nun sollte also alles noch mal von vorn losgehen?! Ulrike gratulierte mir etwas gequält, und während der Arbeit am nächsten Tag überlegte ich, ob ich noch leere Tonbänder hatte bzw. welche älteren Aufnahmen ich löschen könnte. Erstaunlicherweise war neben Tom Anderson auch Andy Archer wieder mit von der Partie, den ich am nächsten Nachmittag erstmals seit 10 Jahren wieder hörte. Zu meinem Leidwesen schien er sehr diszipliniert zu Werke zu gehen und sich auf die Ansagen der Musiktitel zu beschränken. Überhaupt verbreitete das neue Caroline zwar gute Musik, aber die Diskjockeys hörte man nur sporadisch, und kaum je kam etwas über die Verhältnisse an Bord zur Sprache. Scheinbar zielte man auf ein seriöses Adult-Rock-Format mit einer breiten Hörerschaft auch außerhalb der Anorakszene, was mir nicht sonderlich erfolgversprechend schien. Entsprechend hörte man in den kommenden Monaten kaum Werbung, und mich beschlich trotz toller Fotos vom Sendeschiff mit dem höchsten je errichteten Mast und dem sauberen, durch die Optimodanlage verbesserten Klang des starken Senders ein ungutes Gefühl.

Mein altes „Seesenderfeeling“ war aber auf jeden Fall wieder da. Es verging kein Tag, an dem ich nicht zu Hause und im Auto mit meinen verschiedenen Empfangsgeräten Radio Caroline hörte. Zu allen Tages- und Nachtzeiten probierte ich die Empfangsqualität aus, bemerkte vermeintliche Unterschiede und registrierte jegliche Änderungen der Mannschaft an Bord. Ich erstellte aktuelle Sendepläne und machte wie gewohnt meine Mitschnitte.

 

1984

Zum Jahreswechsel las ich dann erstmals von einem neuen Schiff, das in den USA ausgerüstet worden sei und bald als „Laser Radio“ die Sendungen aufnehmen sollte. Am 21. Januar, einem Samstag, fuhr ich mit David zu meinen Schwiegereltern nach Meppen. Es war ein sehr kalter Tag, und Schnee kündigte sich an. Auf der Autofahrt suchte ich mal wieder die Skala ab und fand einen mir unbekannten Sender auf 729 kHz, der non-stop Beatlesmusik spielte. Die Zusammenstellung der Titel gefiel mir recht gut, und das Signal kam auch ganz gut herein. Erst wenige Wochen später las ich dann, dass es sich um Tests von "Laser 730" von der MV Communicator gehandelt hatte. Man probierte das neue Antennensystem mit einem Heliumballon aus, der sich aber während eines Sturms noch in der Nacht selbständig machte und am Horizont verschwand.

Ich war nun entsprechend alarmiert und erwartete täglich den Beginn regelmäßiger Sendungen von der Communicator. Und tatsächlich hörte ich dann am 24. Mai, dem ersten Sendetag von Laser 558, morgens vor der Fahrt zur Arbeit die ersten Ansagen von Ric Harris. Leider war der Empfang in Münster sehr durch den Deutschlandfunk auf der Nachbarfrequenz 549 kHz gestört. Da man vor allem Wortbeiträge sendete, mischte sich ständig ein störendes Zischen in das Lasersignal, das nur bei klassischer Musik im DLF besser zu hören war. Bei meinen Eltern in Millingen am Niederrhein sah die Situation schon anders aus. Dort gelang der Empfang recht gut, und so machte ich wenige Tage später meine ersten Lasermitschnitte. Laser 558 sendete rund um die Chartmusik, unterbrochen nur von kurzen Ansagen der amerikanischen Diskjockeys. Deren Akzent war für mich dann auch das hauptsächlich Interessante an diesem Sender, der in England sogleich eine große Hörerschaft fand. Leider bekam man vom Leben an Bord durch die Sendungen kaum etwas mit. Nichtsdestotrotz: Ich hörte täglich rein, und „Careless Whisper“ von George Michael geht mir noch heute durchs Ohr, wenn ich an diesen Sommer denke. []

Für Caroline tat es mir etwas leid. Man hatte noch immer kaum Werbekunden gefunden und setzte nun wegen der Konkurrenz von Laser zusätzlich noch einen schwächeren Sender auf 576 kHz ein, der in der Bundesrepublik aber recht stark durch einen DDR-Sender auf dieser Frequenz gestört wurde. Zu Ende Mai nahm ich an einer einwöchigen Psychotherapiefortbildung auf der Nordseeinsel Langeoog teil und genoss zwischen den Vorträgen und Seminaren den Luxus von drei Offshore-Signalen auf 558, 576 und 963 kHz mit dazu noch sehr guter Empfangsqualität. Wer hätte sich das träumen lassen.

Ähnlich verhielt es sich im Sommer. Ulrike, David und ich verbrachten wunderschöne Augustwochen in einem Ferienhaus an der dänischen Nordseeküste in Vester Husby (Westjütland). Hier hörte ich mit Freude Johnny Lewis (der 1979 schon mal als Stephen Bishop auf der Mi Amigo war), der das Carolineprogramm gemeinsam mit Jay Jackson (als Crispian St. John schon mehrfach erwähnt und zuletzt jahrelang auf der Voice of Peace vor Israel tätig) wesentlich auflockerte, ständig gute Laune zu haben schien und auch für mehr Transparenz nach außen sorgte. [] Leider war der Laser-558-Empfang in Dänemark durch einen weiteren DDR-Sender kein großer Genuss. Auch in Deutschland konnte ich so gut wie nie die abendlichen und hoch gelobten Charlie-Wolf-Sendungen hören, sondern war auf Kassettenmitschnitte aus England angewiesen.

Alle Bemühungen um ein etwas attraktiveres Caroline-Programm (wie schade, dass man nicht wie ursprünglich vorgesehen ein „Gold“-Programm realisiert hatte) konnten nicht verhindern, dass sich die Geschichte wiederholte: Die Geldvorräte gingen zur Neige, und man war wieder auf Finanzspritzen aus den Niederlanden angewiesen. Also bekam im Dezember „Radio Monique“ den stärkeren Sender auf 963 kHz. Ich hütete wegen einer Grippe das Bett und hörte somit am 15. Dezember live den Fehlstart mit Ad Roberts (begann mit einem falschen Jingle) und Maarten de Jong. Nun war nur zu hoffen, dass sich Radio Caroline finanziell stabilisieren würde, sozusagen „Solid As A Rock“ (Radio Moniques erste „satellietschijf“ von Ashford and Simpson).

 

1985

Im März fuhren wir wieder nach Vester Husby, und dies sollte in den nächsten beiden Jahrzehnten eine gewisse Tradition werden. Da Caroline-Sendungen tagsüber ja nur noch auf 576 kHz liefen und dazu der schwächere Mittelwellensender herhalten musste, hatte sich der Empfang auch in England vor allem im Winter deutlich verschlechtert. Da der Nachbar Laser 558 zudem wie eine Bombe eingeschlagen war und von den Medien immer wieder in den Mittelpunkt gestellt wurde, drohte man mehr und mehr ins Hintertreffen zu geraten. In Dänemark stellte ich morgens plötzlich einen Wechsel auf 585 kHz fest, der zumindest in dieser Empfangsregion zu einem wesentlich besseren Signal führte. Sogleich bespielte ich einige Kassetten (ich nahm zur Freude meiner Frau immer mein Equipment mit, auch wenn wir im Auto nicht so viel Platz hatten…). [] Viel Freude hatte ich zu dieser Zeit an Jay Jackson's Programm morgens zwischen 9 und 12 Uhr. So musste Radio Caroline in meinen Augen klingen: Viele Oldies, Jingles und etwas „Chat“. [] Bei Laser 558 waren inzwischen die „Laserettes“ eingekehrt (Chris Carson, Liz West, Erin Kelly, Jonell, zuvor schon Jessie Brandon und Holly Michaels), die mir allesamt recht gut gefielen, zumal weibliche Diskjockeys an Bord von Schiffen doch eine ziemliche Neuerung waren. Mit Radio Monique hingegen konnte ich mich noch nicht so recht anfreunden. Im Frühjahr kaufte mir ein preiswertes Hitachi-Kassettendeck, das mir 20 Jahre lang gute Dienste leisten sollte und mit dem ich in diesem Zeitraum mehrere hundert Aufnahmen machte.

Nachdem Ulrike im Herbst ihr Diplom erreicht hatte, waren wir wieder in Husby. Inzwischen hatte sich das Blatt doch gewendet. Auch Laser 558 wurde trotz der zahlreichen Hörer und aller Vorschusslorbeeren nicht zum erhofften kommerziellen Erfolg. Im August war man durch „Euroseige“ in die Enge getrieben worden, als die englischen Behörden ein Schiff zur Überwachung der Bevorratung in der Nähe der Ross Revenge und der Communicator verankerten. Charlie Wolf veralberte die Aktion zwar auf unnachahmliche Weise, aber dennoch schien Lasers Ende näher gekommen (leider konnte ich Charlies Shows am späten Abend in der Bundesrepublik nie vernünftig empfangen und war daher auf Kaufkassetten aus England oder Holland angewiesen). Die beliebten Diskjockeys wurden im Herbst durch bislang unbekanntes Personal ersetzt, dem ich hier in Dänemark lauschte und an das sich die Hörer erst einmal gewöhnen mussten. Finanzielle Probleme, umknickende Masten, fehlender Treibstoff, defekte Generatoren – es war das alte Lied, die Luft war raus. Und so gab der Kapitän zu Anfang November schließlich auf und fuhr das Schiff in einen englischen Hafen. Umso fixer reagierte Radio Caroline: Man sendete in den Nachrichten einen wehmütigen Nachruf auf den Konkurrenten, „besetzte“ aber sogleich Lasers Frequenz 558 kHz. Ich erlebte dies mit zwiespältigen Gefühlen, war aber auch froh, das von im Vergleich zu Laser bevorzugte Caroline nun wieder in etwas besserer Qualität zu empfangen.

 

1986

In der zweiten Februarhälfte verbrachten die erneut schwangere Ulrike und ich einige Tage in einem schönen Hotel auf Norderney. Es wehte ein kräftiger Ostwind, die Minustemperaturen erreichten ein Rekordniveau und am Strand stapelten sich Eisschollen. Es blieb umso mehr Zeit zum Radiohören und Kassettenbespielen. Caroline 558 versuchte sich inzwischen unter der Leitung von Peter ‚World Service’ Philips als Laser-Nachfolger und dudelte tagsüber einen Charthit nach dem anderen. Das Format war recht straff, aber die Ansagen während der Plattenintros ohne jegliche Musikpausen gingen mir doch manchmal auf den Wecker. Kevin Turner machte einen professionellen Eindruck, und David Foster hatte in dieser Woche seinen kurzen Auftritt an Bord. „West End Girls“ von den Pet Shop Boys wird mir für immer in Erinnerung bleiben als ständig gespielter Tophit.

Inzwischen hörte ich auch auch Radio Monique. Auf Norderney hatte man natürlich ein ganz sauberes, starkes Signal, und die prima Livesendung „Windkracht 4 tot 6“ mit Jan Veldkamp erinnerte mich bisweilen ein wenig an Driemaster auf RNI. 

Im März wechselte ich für anderthalb Jahre in die Klinik für Neurologie ebenfalls am Münsteraner Klinikum. Das bedeutete mitunter längere Arbeitstage und vor allem auch anstrengendere Nachtdienste - und somit weniger Zeit zum Radio hören. Aber auf dem Weg zur Arbeit (jeweils 25 Minuten im Auto hin und zurück) hörte ich alle möglichen Kassetten mit Offshore-Aufnahmen, die ich entweder selbst aufgenommen hatte (meist bei meinen Eltern) oder von überall her erwarb.

Im Juni wurden wir zum zweiten Mal stolze Eltern, als Miriam geboren wurde. Sie war erst 3 Monate alt, als wir im September Sommerurlaub in einem Ferienhaus auf Ameland machten. Inzwischen hatte ich mir einen weiteren Empfänger zulegt, da mir der Mittelwellenempfang des Satellit 300 nicht optimal erschien. Mit dem Panasonic GX10II hatte ich tatsächlich bessere Resultate. Allerdings musste man auf Ameland für Caroline 558 den Ferritstab mit Millimeterarbeit ausrichten, um die Interferenz mit dem ostdeutschen Sender auf derselben Frequenz zu minimieren. Ich genoss die Breakfastshow mit Johnny Lewis und das Midmorning-Programm mit Peter Philips.  [] Auch Richard Jackson arbeitete sehr professionell. Bei Radio Monique (glasklarer Empfang) wurde Ad Roberts immer besser. Abends konnte man mit etwas Glück ein recht sauberes Signal von „Caroline Overdrive“ auf 963 kHz mit Tom Anderson empfangen, dessen Musik mir aber inzwischen etwas zu schräg geworden war. Miriam lag meist friedlich schlafend bei schönem Spätsommerwetter im Kinderwagen auf der Terrasse, und der „große“ Bruder David interessierte sich nun schon etwas für die Sender auf den Caroline-Schiff und ließ sich entsprechende Geschichten erzählen… Derweil dudelten unentwegt Bruce Hornsby and The Range mit „The Way It Is“ und die Human League mit „Human“ aus dem Radio...

Ab Oktober arbeitete ich wieder in der Psychiatrie, zunächst im Alexianer-Krankenhaus in Münster-Amelsbüren, ab April 1987 dann erneut in der Uniklinik. Wie schon im Studium fand ich auch hier unter meinen Kollegen so gut wie niemanden, der am Thema „Radio“ oder gar „Seesender“ interessiert war. Die Stichworte „Radio Veronica“ oder „Radio Caroline“ finden zwar in deutschen Ohren bis heute oft noch einen gewissen Widerhall, sind aber meist doch nur mit schwachen und sehr ungenauen Erinnerungen verknüpft („Mal davon gehört, waren das nicht Schiffe?“). Ich blieb somit bezüglich meiner heimlichen Leidenschaft „mutistisch“, musste ich doch befürchten, dass meine Begeisterung für phallisch-mächtige Sendemasten und spätpubertär-aufbegehrende, meist männliche Diskjockeys bei tiefenpsychologisch denkenden Psychotherapeuten - und ich war ja nun auch bald einer - zu (natürlich völlig unzutreffenden!) Interpretationen oder Frotzeleien führen konnte. Bislang hatte ich auch noch keine anderen Seesenderfreunde persönlich kennen gelernt, wenngleich ich längst schriftliche Kontakte beispielsweise mit Hans Knot, Karl Landmann, John Burch oder Peter Messingfeld hatte. Auch an den von Rob Olthof aus Amsterdam seit 1983 immer wieder veranstalteten Boottrips zur Ross Revenge habe ich nicht teilgenommen – teils aus einer gewissen Trägheit heraus (die Wochenenden nutzte ich zur Erholung von den anstrengenden Krankenhaus-Diensten und widmete mich meiner Familie), aber auch aufgrund mehrfacher Berichte von unsäglich seekranken Anoraks und langen Irrfahrten durch die Themsemündung. Das machte mir nicht gerade Mut.

Durch die in dreiwöchigen Abständen erscheinenden Freewave-Hefte aus den Niederlanden und vor allem die wöchentlich (!) zugesandten Nachrichtenblättchen von „Anoraks UK“ war ich inzwischen immerhin besser über die aktuellen Geschehnisse im Hintergrund informiert. So war es dann zu Anfang Dezember auch keine große Überraschung mehr, als die MV Communicator nach Täuschungsmanövern des neuen Besitzers Ray Anderson in internationale Gewässer vor der englischen Küste zurückkehrte und als „Laser Hot Hits 576“ einen neuen Start versuchte. Bezüglich des Empfangssignals ergab sich nun für Laser das zuvor schon bei Radio Caroline gekannte Problem: 576 kHz war im Vergleich zu 558 kHz die deutlich schlechtere Frequenz, vor allem im Winter und vor allem auch in der Bundesrepublik. Dennoch gefiel mir der neue Sender vor allem auch wegen der hervorragenden Jingles. Nur Paul Dean (als Paul May schon 1971 bei RNI dabei) war als einziger Laser-558-Jock noch mit an Bord.

Mein jüngerer Bruder Christian verbrachte Silvester und Neujahr mit Studienkollegen in Cadzand in der niederländischen Provinz Zeeland. Es gelang mir ihn davon zu überzeugen, dass er mein Kofferradio und das Kassettendeck mitnehmen musste, um rund 10 Kassetten von Caroline 558 für mich aufzunehmen. Die Qualität war angesichts des Empfangsstandorts überzeugend. Noch heute höre ich gern Christians Aufnahmen von den Shows mit Keith Lewis, Richard Jackson und Dave James, und „Land of confusion“ von Genesis lässt immer noch die Lautsprecher vibrieren. []  

 

1987

Mehrfach hatte ich schon von Antennenverstärkern und Rahmenantennen gelesen, mit denen man das Mittelwellensignal verbessern konnte. Entsprechende Geräte waren aber meist nur für ohnehin teure Empfänger geeignet, die über eine Eingangsbuchse für Außenantennen verfügten. Bei Anoraks UK wurde nun eine Rahmenantenne zu einem erschwinglichen Preis angeboten, die einfach nur neben, hinter oder auch auf das Gerät zu stellen war (ohne Stromzufuhr) und bei der man auch noch eine exakte Justierung hinsichtlich der zu verstärkenden Frequenz vornehmen konnte. Es hörte sich alles ziemlich unglaubwürdig an. Vor allem wegen des schwachen Laserempfangs wagte ich dennoch die Bestellung und erhielt dann zu Beginn des Jahres eines der größten Pakete, die mir jemals zugeschickt wurden. Und meine Erwartungen wurden haushoch übertroffen. Dies war die beste Investition in mein Hobby seit langem! Das jeweilige Mittelwellensignal ließ sich mit geringem Aufwand in der Qualität fast verdoppeln, und durch die genaue Ausrichtung der Rahmenantenne (ähnlich wie bei Ferritstäben) waren zudem störende Sender auf derselben Frequenz meist sehr gut auszublenden. Ich war absolut begeistert und nur ein bisschen traurig, dass ich dieses Gerät wohl zwanzig Jahre zu spät bekommen hatte. Der Nachteil der Rahmenantenne war einzig ihre sperrige Größe und der dadurch noch verminderte Platz im Kofferraum unseres Autos.

Als wir im März erneut nach Husby in Dänemark fuhren, mussten also nicht nur die notwendige Winterkleidung für zwei Erwachsene und zwei Kinder mit allem notwendigen Zubehör für einen Säugling mitgenommen werden, sondern auch das Radiogerät, der Kassettenrekorder und die Rahmenantenne. Ganz ähnlich wie bei allen weiteren Urlaubsfahrten in den kommenden 3 Jahren... Aber der Aufwand lohnte sich (für mich): Der Empfang war nicht nur in Dänemark sondern egal wo um Längen besser, und selbst kleine englische Privatstationen kamen nun morgens hörenswert herein. In Husby hörte ich nicht nur Caroline 558 mit Mark Matthews sondern auch regelmäßig Laser Hot Hits 576 mit Brandy Lee und Paul Jackson, wenige Wochen später am Niederrhein dann erneut Paul mit dem traurigen Bericht vom Untergang der  Herald of Free Enterprise in der Themsemündung. []

Im Hochsommer machten wir Urlaub in einer Ferienwohnung in Bruinisse in der Nähe von Zierikzee in der niederländischen Provinz Seeland. Mit der Rahmenantenne hatte ich hier die besten Empfangsergebnisse aller Zeiten. Die damaligen Mittelwellenaufnahmen machen mich noch heute stolz und klingen fast, als wären sie an Bord aufgenommen. Kaum ein hörbarer klanglicher Unterschied mehr zwischen 558 und 963, keinerlei Rauschen, ein klares, angenehmes Signal. [] Nur schade, dass Laser Hot Hits inzwischen der Vergangenheit angehörte. Ich beschränke mich also auf Caroline 558 (Jackie Lee, Jamie King, Kevin Turner, Keith Francis, Paul Graham) und Radio Monique (Jan Veldkamp, Ad Roberts) und hörte morgens auch Tony Blackburn bei BBC Radio London.

Im November stürzte die vermeintlich heile Welt dann in sich zusammen: Der Mast auf der Ross Revenge knickte um, und die Mannschaft an Bord konnte von Glück reden, dass das Schiff nicht gekentert und gesunken war. Mit viel Erfindungsgeist bastelte man eine kleine Behelfsantenne und Caroline 558 nahm zwar noch vor Weihnachten seine Sendungen wieder auf, die ich aber auch mit der Rahmenantenne anfangs nur erahnen konnte – so schwach war das Signal. Radio Monique hingegen verschwand für immer.

 

1988

Im Februar verbesserte sich der Empfang, nachdem man nun ein vorläufiges und schon wesentlich stabileres Antennensystem aufgestellt hatte. So hörte ich in Münster-Hiltrup Peter Philips und lernte den Wert meiner Rahmenantenne erst richtig zu schätzen, denn im Auto empfing man nicht viel mehr als ein Rauschen. Nach und nach nahm die Sendeleistung wieder zu, und im Frühjahr und Sommer wurden die Sendungen mehrfach stunden- oder auch tagelang unterbrochen, u die Antennenarbeiten auf hoher See zu ermöglichen, die meist von freiwilligen Diskjockeys und Technikern an Bord durchgeführt wurden.

Meine Facharztausbildung ging nun dem Ende entgegen und erforderte eine mündliche Prüfung bei der Ärztekammer. Wie in früheren Studienzeiten brütete ich nun wieder stundenlang über Fachbüchern. Zu Anfang April zog ich mich von Frau und Kindern für eine Woche zur „Klausur“ in mein Elternhaus in Millingen zurück, um die Lernintensität dort noch zu erhöhen. Auf dem Dachboden installierte ich meine Geräte einschließlich der Rahmenantenne, um eventuelle elektrisch bedingte Störgeräusche aus der Zahnarztpraxis meines Vaters, der angrenzenden Bundesbahnstrecke und auch verschiedener Haushaltsgeräte zu minimieren. Und so gelangen mir trotz der noch sehr begrenzten Sendeleistung auf „558“ recht gute Aufnahmen etwa der Shows von Chris Kennedy und Peter Philips. In diese Zeit fielen auch die ersten Kurzwellen-Tests auf 6215 kHz. Caroline 558 war jetzt wochenlang und zumindest tagsüber auch mit recht gutem Signal parallel im 49-Meter-Band zu empfangen, das künftig für die religiösen Sendungen des neuen Geldgebers „World Mission Radio“ dienen sollte. Noch war nicht zu ahnen, dass diese Entscheidung Radio Caroline im kommenden Jahr fast den Hals brechen sollte. Jedenfalls weckten die Kurzwellensendungen bei mir manche Erinnerungen an RNI (und der Sendetechniker war wie schon 1970 auf der Mebo II noch immer Peter Chicago!).

Ende Mai nahm ich erneut an der Psychotherapiewoche auf Langeoog teil und hörte hier die Tests mit einer aus Amerika eingeführten Glasfiberstabantenne. Mit ihr sollte das neue niederländische „Radio 819“ ausgestrahlt werden, dessen erste Sendungen mit Erwin van der Bliek und Ad Roberts von der Konzeption her gut strukturiert und auch flott gemacht klangen. Der Sender war dann aber doch nur zwei Tage „on the air“, da die neue Antenne im wahrsten Sinne des Wortes „floppte“.

Kurz danach entschloss man sich deshalb - history repeats itself -, die Caroline-558-Sendungen rund um die Uhr tagsüber erst einmal durch das holländische „Radio 558“ zu ersetzen, hinter dem dieselben Geldgeber wie bei „Radio 819“ standen. Rasch wurden ähnlich klingende Jingles produziert, die sich recht modern anhörten und Radio Monique bald vergessen ließen. Das Ziel blieb die baldige Fertigstellung des Antennensystems mit Wiederaufnahme der Parallelabstrahlung auf 558 und 819 kHz. 

Im August hörte ich während unseres Dänemark-Urlaubs in Vester Husby gern Michael Grant (Dave Richards), der abends meist als erster bei Caroline 558 begann. [] Auch Nigel Harris (Stuart Russel), Judie Murphy und Ian Mack machten professionelle Shows. Walter Simons gefiel mir auf Radio 558. []

Im Herbst wurde dann das neue Antennensystem fertig, und aus Radio 558 wurde wieder Radio 819. Der Empfang verbesserte sich aber nicht wesentlich, da die Frequenz vor allem im Winter wenig geeignet schien. So blieben die Hörerzahlen konstant niedrig, und statt der ein Millionenpublikum ansprechenden Sender der sechziger und siebziger Jahre hatte man es nun doch mehr mit einem „Spartensender“ für Fans (Anoraks) zu tun. Rob Harrison gab sich mit dem separat zu Caroline 558 ausgestrahlten „819 – The Overnight Alternative“ zwar alle Mühe, aber ähnlich wie bei Tom Anderson waren meine Ohren bei seiner Musikauswahl auf Durchzug gestellt. Den Jahreswechsel verbrachten wir bei meiner Schwiegermutter in Meppen. Der Genuss der Live-Sendungen zu Silvester und Neujahr sowohl auf 558 als auch 819 kHz hielt sich hier trotz der Rahmenantenne sehr in Grenzen, da der Empfang eigentlich nur von etwa 9 bis 15 Uhr einigermaßen ungestört war…

 

1989

Ab Januar arbeitete ich als Assistent eines befreundeten ärztlichen Kollegen in dessen Praxis in Meppen. Mit ihm gründete ich im Juni eine Gemeinschaftspraxis. Meine Familie zog daher schon zu Ende Februar von Münster nach Meppen. Empfangstechnisch änderte sich nicht allzu viel. In den kurzen Mittagspausen verglich ich den Empfang auf 819, 558 und 6215 kHz, versuchte die Rahmenantenne optimal aufzustellen und zu justieren und machte so manchen Mitschnitt.

In diesem Jahr legte ich mir gleich zwei neue Empfangsgeräte zu: Den vornehmlich für den Kurzwellenempfang geeigneten Grundig Satellit 500 (der Mittelwellenteil enttäuschte sehr) und ein russisches Gerät, den Euromatic 217. Er produzierte ein besonders gutes, sauberes Mittelwellensignal.

Ostersonntag saß ich mal wieder in meinem Elternhaus am Empfangsgerät, da Radio Caroline seinen 25. Geburtstag feierte. Entsprechend groß waren meine Erwartungen hinsichtlich einer ultimativen Jubiläumssendung. Steve Conway und Caroline Martin gaben sich zwar alle Mühe und konnten an diesem Tag beide Mittelwellenfrequenzen parallel benutzen. Dennoch blieben die Shows eigentümlich blass.

Den Sommerurlaub verbrachten wir wieder auf Ameland. Ich hatte natürlich die Rahmenantenne dabei, genoss die Sendungen mit Nigel Harris, Chris Kennedy, Dave Asher, Tony Kirk und Bruce Munroe und machte schöne Mitschnitte. Am Freitagabend, dem 18. August, las Dave Richards die Nachrichten bei Caroline 558 und berichtete von einem britischen Boot in der Nähe („the DTI-vessel Landward“), dessen weitere Absichten unklar seien. Man habe „verhandelt“, sich aber nicht geeinigt. [] Ich war sofort alarmiert und ahnte Böses. Am nächsten Morgen (ich feierte meinen 34. Geburtstag) fuhren wir bei strahlendem Sommerwetter mit den Kindern zum Strand, und bei Caroline 558 bzw. Radio 819 schien – zumindest nach meiner „Diagnose“ im Autoradio - zunächst alles wieder in Ordnung. Er wurde im Tagesverlauf sehr heiß, und so pendelten wir zwischen unserem Liegeplatz am Strand und dem Wasser hin und her. Am frühen Nachmittag hörte ich dann aus dem Radio eines unserer Strandnachbarn die Nachrichten auf Hilversum 3. Als erste Meldung berichtete man vom Eingreifen der holländischen Behörden, die die Sender auf der Ross Revenge heute Mittag stillgelegt hätten. Ich war ziemlich schockiert, denn mit dieser Radikalität hatte ich nicht gerechnet. Mehrmals sprach ich mit Ulrike und den Kindern darüber. Der inzwischen 8jährige David spürte offensichtlich die Betroffenheit seines Vaters und schimpfte am Abend immer wieder, er finde die Aktion ungeheuerlich, und man müsse doch „die Polizei kommen lassen“, um Radio Caroline zu helfen. Ich sah dann die 19-Uhr-Nachrichten im niederländischen Fernsehen, die ebenfalls die Aktion auf der Ross Revenge als Hauptmeldung brachten. Daraufhin rief ich meinen Vater in Millingen an und bat ihn, die folgende 20-Uhr-Sendung mit dem VHS-Rekorder aufzunehmen. Wenigstens die atemberaubende Nachricht im Fernsehen wollte ich konservieren, hatte ich doch die dramatische Entwicklung leider nicht „live“ mitverfolgt. Als ich einige Wochen später meine Eltern besuchte, teilte mir dann mein Vater kleinlaut mit, die Aufnahme sei leider missglückt…

Zunächst musste man befürchten, dass die Sendungen von der Ross Revenge für immer verstummen würden. Dies galt tatsächlich für Radio 819 und World Mission Radio (die Kurzwellen-Sendungen auf einer Notruffrequenz waren letztlich der Aufhänger für das juristisch kaum begründbare Einschreiten der Behörden in internationalen Gewässern). Radio Caroline jedoch kehrte schon nach einigen Wochen zurück. Der legendäre Sendetechniker Peter Chicago (schon seit 1970 kontinuierlich bei RNI und Radio Caroline beteiligt und längst mein eigentlicher „Offshore-Radio-Held“) hatte in der Mittagspause der bei dem „Überfall“ am 19. August beteiligten Männer einige wichtige Sendeteile verstecken können, und so gelang ihm tatsächlich ein Neustart. Wohl wegen eines akuten Deejaymangels produzierte er selbst auch einige mittägliche Shows, die ich im Oktober in Meppen in recht guter Qualität empfing. Vor allem die Caroline-Supportgroup mit John Burch an der Spitze unterstützte Caroline nach Kräften und hatte auch wieder eine hinreichende Plattensammlung an Bord gebracht. Mein Bruder Christian machte zum Jahreswechsel mal wieder Ferien in Südholland an der Nordsee. Wie schon vor drei Jahren konnte ich ihn überreden, für mich eine Cassette nach der anderen aufzunehmen - und diesmal sogar meine Rahmenantenne mitzunehmen, ein mittelschweres logistisches Problem, das ich von meinen eigenen Urlaubsfahrten ja nur zu genau kannte. Aber es lohnte sich: Aus dem auch in den Niederlanden recht schwachen Caroline-Signal wurde fast ein Ortssender, und auf Christians damalige Mitschnitte (man hört Dave Asher, seine Freundin Caroline Martin sowie Nigel Harris und Neil Gates) bin ich noch heute stolz.

 

1990

Mehr und mehr stellte sich heraus, dass die Aktion der holländischen und englischen Behörden im August 1989 den Nerv des Senders getroffen hatte. Der Schaden schien technisch reparierbar, war aber finanziell letztlich nicht mehr auszugleichen. Die holländischen Geldgeber fehlten an allen Ecken und Kanten, so dass die „off the air“-Phasen immer länger wurden und der Sender auf 558 kHz blieb von der Leistung her schwach blieb. 

In der Osterzeit machten wir zwei Wochen Urlaub auf der dänischen Nordseeinsel Rømø, und hier war dann mit Hilfe meiner Empfangsanlage noch mal ein erfreulich klares Signal zu hören. Manch neuen Diskjockeys wie Chris Frisco und Rico fehlte aber die Professionalität ungezählter Vorgänger, an die ich wehmütig zurückdachte. Man spürte offensichtlich das langsame Sterben einer Rundfunkära. 

Im Oktober machte Caroline nochmals einen Neuanfang als „Caroline 819“ (besonders die Breakfastshow mit Rico war in Meppen sauber zu empfangen und auch gut anzuhören), aber im November verstummte die Ross Revenge dann endgültig. []

 

1995-96

Der schreckliche Krieg auf dem Balkan führte zu einem beispielgebenden Friedensprojekt. „Radio Brod“ auf dem Sendeschiff Droit de Parole vereinte zahlreiche Journalisten aus den unterschiedlichen ethischen Regionen Ex-Jugoslawiens und richtete sich mit seinen Sendungen an die Menschen in der Kriegsgegend. Natürlich las ich davon und wollte unbedingt selbst auch den Empfang versuchen, der mir dann nachts gelang. Ich programmierte zu Hause in Meppen eine Zeitschaltuhr, mit der ich den Kassettenrekorder steuerte, der dann mitten in der Nacht (d.h. wenn die Radio Brods Mittelwellenfrequenz vergleichsweise unbelegt war und gleichzeitig Reichweitenempfang möglich wurde) eine entsprechende Aufnahme machte, bei die Rahmenantenne für die nötige Verstärkung des Signals sorgte. Tagsüber gelang es mir dann, das eine oder andere Jingle oder auch Wortfetzen aufzuschnappen, die die Station unzweifelhaft als „Radio Brod“ identifizierbar machten.

 

1997

Im Herbst 1997 verpasste ich um ein Haar den spannenden Besuch eines neuen Sendeschiffes. Im Magazin "Offshore Echo's" hatte ich zuvor von der MV Piscator gelesen, die seit einigen Monaten im Hafen von Larnaca auf Zypern ausgerüstet würde und deren Bestimmung noch unklar sei. Vermutlich sollte das Schiff zur israelischen Küste fahren und dort seine Sendungen aufnehmen. Es passte daher gut, dass Ulrike und ich Ende Oktober zu einer Studienreise nach Zypern flogen. Etwa eine Woche später erreichte unser Bus schließlich auch Larnaca, wo wir bei wunderschönem Spätsommerwetter mittags an der Küste einen Zwischenstopp machten, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Hafen entfernt. Und was sah ich in der Ferne? Eindeutig einen Sendemast, vermutlich auf einem Schiff im Hafen montiert! Aufgeregt zoomte ich das Ding mit meiner Videokamera heran und ahnte eine mögliche Sensation. In dem Moment als ich unseren Busfahrer überreden wollte, vielleicht doch noch einen kleinen Abstecher zum Hafen zu machen, wurde ich plötzlich dringend um Hilfe gebeten. Ein älterer Herr aus unserer Reisegruppe hatte sich verletzt und blutete aus mehreren Schnittwunden. Ich musste ihm natürlich erste Hilfe leisten und ihn anschließend zu einem chirurgischen Kollegen begleiten. Aus der Traum also von der Exklusivstory im Internet (von dem Schiff hat man anschließend übrigens nie wieder etwas gehört).

 

1998

Schon im Sommer 1997 war unser damals 16jähriger Sohn David in die USA aufgebrochen, um dort während eines einjährigen Aufenthalts seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Was lag näher als ihn in den Osterferien zu besuchen? Während unseres dreiwöchigen Trips an die Ostküste (mit einem Ausflug nach Toronto und an den Lake Ontario) gab es genug Möglichkeiten, die aufregende Radioszene der USA und Kanadas kennenzulernen. In unserem Leihwagen spielte das Radio unentwegt, und wir genossen das in Deutschland unbekannte Spartenradio mit zahlreichen Rock-, Charts- und Oldiestationen. Mit einem Kassettenrekorder aus Davids Gastfamilie machten wir in einem New Yorker Hotel Aufnahmen von WRKS-FM ("98.7 Kiss FM"). Aber auch im Bundesstaat New York fanden sich Gelegenheiten, die Stationen WRRV (Middletown) und WSPK (Poughkeepsie) regelmäßig zu hören. Letztlich ließ mich aber auch hier das Offshore-Fieber nicht los. Im Vorjahr war Allan Weiner mit seinem Seesenderprojekt Radio NewYork International schon nach wenigen Tagen von den Behörden mit Gewalt aus allen Träumen gerissen worden. Aber so schnell wollte Allan sich nicht unterkriegen lassen. Ich las, dass er im Hafen von Boston ein neues Boot ausrüstete, die MV Electra. Also musste ich doch mal schauen, wie es um die Pläne stand. Während unseres Urlaubs verbrachten wir auch eindrucksvolle Stunden in Boston. Es war Anfang April, und so wurde es früh dunkel. Ich konnte Ulrike und die beiden Kinder letztlich überreden, dass nach reichlichem Kulturprogramm und Sightseeing nun auch noch ein Besuch des neuen Sendeschiffes auf dem Programm stehen musste. Auch hier war die Aussicht auf Exklusivfotos für meine seit Dezember 1996 bestehende Webseite "Offshore Radio Links" ein kaum zu bremsender Ansporn. Wir machten uns mit dem Leihwagen gegen 15:00 Uhr auf den Weg in Richtung Hafen - damals natürlich noch ohne Navi. Mehr als eine Stunde sind wir in der Rushhour durch den dichten Bostoner Verkehr geirrt, ohne dass wir dem Ziel letztlich näher kamen. "Papa, Du siehst doch sowieso schon nichts mehr, es ist jetzt fast dunkel!" Ich gab schließlich auf, hatte es aber immerhin versucht. Und so blieben mir immerhin die Fotos eines in Boston arbeitenden ärztlichen Kollegen, der mir seine im Dezember 1997 gemachten Aufnahmen zur Verfügung stellte. Aus dem neuen Weiner-Projekt ist allerdings nie etwas geworden. Es entpuppte sich aber auch als ein kaum hochseetüchtiges Schiffchen, das wir selbst bei Sonnenschein schwerlich im Hafen entdeckt hätten.

 

1999

Offshore ’98 hieß ein Wochenend-Seesenderprojekt mehrerer deutscher Free-Radio-Freaks, dessen Realisierung eigentlich schon für 1998 geplant war. Man hatte zahlreiche modern klingende Jingles produziert und auch einige Sendestunden vorab auf der damals im IJsselmeer verankerten MV Communicator aufgenommen. Mit der MV Aurora fuhr man zu Karfreitag 1999 in internationale Gewässer vor der holländischen Küste und begann einige Stunden später auf Kurzwelle, Langwelle und Mittelwelle mit den von vornherein auf Ostern begrenzten Sendungen, die jeweils nur eine sehr geringe Leistung hatten und bei realistischer Betrachtung nur im Küstenbereich zu hören sein würden. Ich hatte mit Freddie Schorsch, Jan Sundermann, Frank Leonhardt und Helmut Slawik zwar mehrfach über das Projekt gesprochen und war auch als “Internet-Webmaster“ eingeplant, der für die nötige Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgen sollte mit gleichzeitiger „Irreführung der Behörden“. Sicherheitshalber hatte man aber auch mir den genauen Sendetermin nicht bekannt gegeben. Doch ich ahnte schon, dass Ostern ein geeignetes Datum sein würde. Zu dieser Zeit machten wir wieder einmal Familienurlaub in Vester Husby an der dänischen Nordseeküste. Meine Radiogeräte, den Kassettenrekorder und die Rahmenantenne hatte ich diesmal zu Hause gelassen. So blieb mir am Ostersonntag nur das Autoradio, um einmal zu testen, ob die Jungs ihr Vorhaben verwirklichten. Und tatsächlich: Ich empfing mehr schlecht als recht „Offshore ’98“ in Dänemark auf 1566 kHz und konnte zumindest Frank Leonhardts Stimme eindeutig identifizieren. So wurde ich zu einem DXer dieser leider sehr kurzlebigen und wohl allerletzten europäischen Offshorestation. []

Schon sei einigen Jahren hatte ich regen e-Mail-Kontakt mit Mike Brand aus Israel, der die zahlreichen dortigen Seesender aufmerksam verfolgt hatte und dazu eine umfangreiche Übersicht für meine Webseite beigesteuert hatte. Die legendäre „Voice of Peace“ war von Abe Nathan schon 1993 im Mittelmeer versenkt worden – nach zwei Jahrzehnten mit fast kontinuierlicher Sendetätigkeit für den Frieden im Nahen Osten. Es verblieb noch das nun ebenfalls schon jahrelang auf der MV Hatzvi aktive „Arutz Sheva“, ein Propagandasender religiöser Siedler mit eher extremen politischen Zielen, also in meinen Augen alles andere als sympathisch. Dennoch war Arutz Sheva der letzte verbliebene aktive Seesender auf der ganzen Welt, und somit war er auch für mich sehr wohl interessant. Hinzu kam „Arutz 2000“ auf der King David, einem ehemaligen britischen Feuerschiff, bei dessen Ausrüstung Paul Rusling, Herbert Visser aus den Niederlanden und einige der schon erwähnten deutschen Offshore-98-Freaks mitgeholfen hatten. Der Sender war aber nur wenige Tage aktiv, und im Herbst rostete das Schiff schweigend vor sich hin. Zu Ende Oktober machten Ulrike und ich mit einem befreundeten Ehepaar eine Studienreise nach Israel. Was lag also näher, sich mit Mike zu treffen und einen Trip zu den beiden verbliebenen Schiffen vor der Küste Tel Avivs zu machen? Ich hatte mir eigens einen neuen Empfänger zugelegt, einen Sangean mit integriertem Kassettenteil. So machte ich in Tel Aviv im Crown Plaza Hotel Aufnahmen vom UKW-Signal an Bord des Arutz-Sheva-Sendeschiffes Hatzvi (Insider munkelten aber auch, zumindest der UKW-Sender stehe irgendwo an Land). [] Während unserer Tour durch Israel testete ich immer wieder das Signal auf beiden Arutz-Sheva-Mittelfrequenzen mit ihren unterschiedlichen Programmen. Ich machte die bekannte Erfahrung, dass der Empfang küstennah (beispielsweise in Haifa) in der Regel unproblematisch war, aber etwas weiter landeinwärts (also etwa am See Genezareth oder in Jerusalem) durch den sandhaltigen Boden doch sehr zu wünschen übrig ließ.

Schon vor der Abreise hatte ich mich mit Mike verabredet und fuhr also am 9. November vormittags allein mit dem Bus von Jerusalem nach Tel Aviv. Mike holte mich am Busbahnhof ab und fuhr in halsbrecherischer Weise durch den Verkehr zum Yachthafen. Er erwies sich als nett und unkompliziert, stammte ursprünglich aus England, so dass die Verständigung mit ihm völlig unproblematisch war. Mit etwas Nachfragen fanden wir einen Skipper, der für eine beträchtliche Dollarsumme bereit war, uns „Journalisten“ zu den Radioschiffen zu bringen.  Er erzählte von hunderten Fahrten zur Voice of Peace, kannte Deejay-Größen wie Crispian St. John und Kenny Page. Bei der King David, einer alten Rostbeule, war nur ein scheues Besatzungsmitglied zu entdecken. Und auch bei Arutz Sheva stand gar nicht erst zur Diskussion uns etwa an Bord zu lassen. Man fragte aber höflich nach, ob wir nicht ein Besatzungsmitglied mit an Land nehmen könnten. So blieb wirklich genug Zeit für viele Fotos und Videoaufnahmen, und wir betrachteten unseren Ausflug bei fast sommerlichen Temperaturen hinterher als rundum gelungen. Mike und ich tauschten dann in einem Restaurant viele Seesendererinnerungen aus und fuhren anschließend noch zu einer lokalen Rundfunkstation.

Vor unserem Rückflug nach Deutschland wurden wir paarweise von den israelischen Sicherheitsbehörden einer zumindest für mich hochnotpeinlichen Befragung bezügliche unserer Reise unterzogen. Die Frage „Hatten Sie während Ihres Aufenthalts Kontakt mit israelischen Bürgern?“ beantwortete ich zum Entsetzen von Ulrike (sie sah mich wohl schon im Gefängnis) mit einem dezidierten „Nein!“, stellte ich mir doch vor, welch unangenehme Fragen noch auf mich zugekommen wären, hätte ich etwas von einem „Ausflug“ zum nach offizieller Lesart illegalen Seesender Arutz Sheva erzählt. Man gab sich mit meiner Antwort zufrieden, und wir saßen kurz darauf entspannt im Flugzeug und sahen unter uns die beiden Sendeschiffe friedlich im Mittelmeer liegen.

 

Epilog

Der Boottrip zu Ende des letzten Jahrhunderts markierte dann zwangsläufig den Schlusspunkt meiner „Empfangsbemühungen“ bezüglich der Seesender, denn danach gab es schlichtweg keine Sendeschiffe mehr in internationalen Gewässern. Keineswegs aber bedeutete er das Ende des Hobbys – ganz im Gegenteil.

Im Frühjahr 1993 besuchte ich erstmals den Radio Day (Radiodag) in den Niederlanden, der damals noch in Haarlem veranstaltet wurde, später in Utrecht und zuletzt mehrere Jahre im Hotel Casa 400 in Amsterdam. Mit einer Ausnahme (1998 besuchten wir gerade David in den USA) war ich fortan jedes Jahr dabei. Von 2004 bis 2014 war ich dann zusammen mit Hans Knot und Rob Olthof (✝) für die Organisation dieser Veranstaltung verantwortlich. Ich stellte jedes Jahr das Programm zusammen und lud Gäste aus der Seesenderszene ein. Von Jahr zu jahr vergrößerte sich der Zustrom der Besucher, und wir konnten zahlreiche "Offshore-Radio-Celebrities" nicht nur aus ganz Europa, sondern auch aus Amerika, Australien und dem Nahen Osten willkommen heißen.

Seit 2001 findet jährlich der Erkrather Radiotag statt, und hier habe ich nie gefehlt. In den Jahren 1999 und 2000 besuchte ich das Seesendertreffen in Calais. Ich nahm die MV Communicator, Radio Veronicas Sendeschiff Norderney und auch die MV Ross Revenge in Augenschein. Besondere Freude bereiteten mir nostalgische Treffen im Hotel Lapershoek in Hilversum (Radio Veronicas ehemaliges Landstudio) und im Museum RockArt in Hoek van Holland, aber auch zwei Offshore-Treffen in Belgien. Nostalgische Seesendertage auf Schiffen vor der holländischen Nordseeküste und Boottrips zur REM-eiland vor Noordwijk erfreuten mein Herz.

Einen ganz besonderen Höhepunkt stellten dabei die zahlreichen Trips zum Sendeschiff Jenni Baynton (Radio Waddenzee, Radio Seagull) dar, das zu Beginn 21. Jahrhunderts immer wieder die Erinnerungen an die Seesenderzeit auffrischt. Die jährliche (legale) Offshore-Sendewoche im Wattenmeer vor Harlingen einschließlich regelmäßiger Tendertrips zum Sendeschiff lässt das Herz des Seesenderfans anhaltend schneller schlagen. Chapeau, Sietse, Walter und Co.!

Das Internet sorgte in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dafür, dass immer mehr Seesenderfans sich zunächst schriftlich per E-mail und später dann auch persönlich persönlich kennen- und schätzen lernten. Schon seit fast 2 Jahrzehnten ist meine eigene Internetseite "Offshore Radio Guide" für hunderte Radiofreunde eine Art Dreh- und Angelpunkt.

Meine Sammlung an Mitschnitten und Videoaufnahmen nimmt von Jahr zu Jahr exponentiell zu, so dass immer größere Festplatten dennoch rasch an ihre Kapazitätsgrenzen geraten und ich kaum mehr weiß, wo ich alle CDs und DVDs lagern soll. Eine externe Festplatte nach der anderen wird gefüllt. Die Mitgliedschaft im „Download-Club“ sprengte alle bisher gekannten Grenzen, so dass ich bis an mein Lebensende Tag und Nacht alte Offshore-Aufnahmen hören könnte. Ich legte mir große, drehbare Satellitenschüsseln zu, vorrangig um die längst an Land angekommenen - böse Zungen sagen auch „gestrandeten“ - Radio Caroline, RNI (aus Norwegen, inzwischen längst wieder verschwunden), Radio London und Radio Veronica in erstklassiger Qualität hören zu können. Ich entwickelte eine Vorliebe für die „Offshore Radio Tunes“, also die zahllosen Erkennungsmelodien der verschiedenen Sendungen und Deejays der Seesender, so dass ich inzwischen eine in die Tausende gehende Zahl zumeist instrumentaler Musiktitel besitze, die ich entsprechend genau zuordnen kann. Stundenlang zeichnete mein PC Internet-Streams mit früheren Offshore-Jocks wie Keith Skues, Roger ‚Twiggy’ Day oder Roger Mathews auf. Unzählige Negative, Dias und Fotos wurden gescand und tausende digitale Fotos warten noch auf eine übersichtliche Einordnung (knapp 14.000 habe ich bereits bei flickr untergebracht).

Die Faszination der Seesender und ihre entsprechende Würdigung im Internet (tausende Webseiten und Fotopräsentationen, viele Newsgroups und Blogs, zahlreiche Downloadmöglichkeiten) förderte die Anbahnung unzähliger internationaler Kontakte. Längst habe ich selbst die jahrzehntelange Phase der „stillen“ und passiv bleibenden Anteilnahme am Offshoregeschehen überwunden. Ich entwickelte freundschaftliche, sehr persönliche Beziehungen zu Hans Knot, Rob Olthof (✝), François Lhote, Robert van Dam (Marc Jacobs auf Radio Mi Amigo), Gerhard Fiolka und Christian Bergmann. Ich habe regelmäßige und überaus angenehme Verbindungen zu Seesenderfreunden, von denen ich stellvertretend Jan Sundermann, Vincent Schriel, Alex van den Hoek, Chris Edwards, Alan Milewczyk, Chris und Mary Payne, Jonathan Myer, Mike Brand, Paul de Haan, Martijn Stapper, Jan-Fre Vos, Jan van Heeren, Douwe Dijkstra, Wim van de Water, Ben Meijering, Jelle Boonstra, Sietse Brouwer, Theo Bakker, Peter Messingfeld, Franz-Ludwig Pohlmeier, Frank Leonhardt, Stephan Kaiser, Armin Mothes, Chet Reuter, Kurt Gohla, Helmut Runge, Nick Barker, John Platt, Manfred Steinkrauss, Markus Weidner, Gunnar Leonhard, Wolfram Bender, Ian Biggar, Claus Grote, Freddie Schorsch (✝), Walter Galle, Werner Tschoepe und Mark Stafford nennen will (bestimmt hab ich jetzt jemanden hier vergessen). Und ich lernte zahlreiche Diskjockeys und Seesendermitarbeiter persönlich kennen oder führte Interviews mit ihnen. Vorrangig seien Graham Gill, Peter und Werner Hartwig, Ulf D. Posé (Hannibal), Bert Bennett, Ferry Eden, Herbert Visser, Johnny Lewis, Wout van der Meer (Peter de Vries), Dick Verheul, Andy Archer, Johnny Jason, Peter Chicago, Dennis King, Marc Jacobs, Dave Williams, Ad Roberts, Jan Parent (Veldkamp), Tom Mulder (Klaas Vaak), Juul Geleick, Wim van Egmond, Marc van Amstel, Look Boden, Leendert Vingerling, Gerard van Dam, Norman Barrington, Bob Le-Roi, Hans Hogendoorn, Nico Steenbergen, Dick de Graaf, Peter Jager, John Aston, Stevie Gordon, Victor Pelli, Ray Clark, Martin Green, Marc Sloane, Bud Ballou, Wally Meehan, Alan Turner, Greg Bance (Arnold Layne, Roger Scott), David Foster, Steve Conway, Chris Kennedy, Paul (Alexander) Rusling, Robin Adcroft (Banks), Bob Noakes, Duncan Johnson, Ian Damon, Don Stevens, Robbie Owen, Charlie Wolf, Jessie Brandon, Ron O'Quinn, Johnnie Walker, Robbie Dale, Roger ‚Twiggy’ Day und last but not least Keith Skues erwähnt. 

Die vielen „Empfangsversuche“ haben sich also in vielfältiger Weise gelohnt!
 

 

EL-Kurier 30.11.2014

 


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