Der goldene Glanz von RNI
Eine Buchrezension von Dr. Martin van der Ven

Radio Nordsee International (RNI) war für viele Seesender-Fans die Station, die am meisten faszinierte. Von Februar 1970 bis August 1974 fesselten die Sendungen von dem bunten Sendeschiff Mebo II Hörer in ganz Europa. Die Erkennungsmelodie lässt heute noch so manchem Zeitzeugen Schauer über den Rücken laufen. Besonders das erste Jahr hatte es in sich. Die Fahrt der Mebo II von der holländischen zur englischen Küste und wenige Monate wieder zurück, die häufigen Frequenzwechsel, der englische Störsender, der vorübergehende Namensänderung in Radio Caroline mit aktiver Beteiligung am britischen Wahlkampf, die versuchte Kaperung durch Kees Manders und dann die plötzliche (vorübergehende) Einstellung der Sendungen im September - man kam kaum zum Atmen und saß täglich am Empfangsgerät. Die parallel ausgestrahlten Kurzwellensendungen machten dabei den Empfang auch in beiden Teilen Deutschlands zumindest tagsüber gut möglich, und so fand RNI viele Liebhaber auch in der ehemaligen DDR. Und es ging weiter mit aufregenden Entwicklungen: Der Brandanschlag auf die Mebo II im Mai 1971 fand sogar den Weg in die deutsche Tagesschau und sorgte im Endeffekt für noch mehr Hörer. RNI wurde zum "Sound of Young Europe", und seine Deejays wurden genauso bekannt und beliebt wie die Bands, deren Musik man spielte. Die DX-Sendung mit A.J. Beirens und seinen deutschen Kollegen Peter und Werner Hartwig war jahrelang ein sonntägliches "Muss".

Leo van der Goot, Peter Jager, Hans ten Hooge, Ferry Maat, Nico Steenbergen, Tony Berk, Joost den Draaijer, Ferry Eden am 31. August 2014 in Hilversum

 

Seither sind viele Bücher zum Thema "Offshore Radio" erschienen, mit deren Hilfe die Geschichte der Seesender gut nachempfunden werden kann. Besonders Radio Caroline wurde von vielen Autoren immer wieder beleuchtet. RNI-Fans hingegen mussten schon gut suchen, bis sie geeignetes Material fanden. Bereits im Herbst 1970 erschien das erste RNI-Fotobuch, und 1986 schrieb Hans Knot dann seine "Historie van RNI". 40 Jahre nach dem Ende der RNI-Sendungen am 31. August 1974 ist nun endlich ein umfassendes Werk erschienen, das die Herzen der Radio-Nordsee-Begeisterten höher schlagen lässt. "De gouden glans van radio" ist der einem bekannten Jingle von Hans ten Hooge nachempfundene Titel des Buchs, das Ferry Eden (ehemals auf Hoher See bei Radio Mi Amigo und Radio Monique) und der niederländische RNI-Deejay Marc van Amstel geschrieben haben. Beiden ist es auf exzellente Weise gelungen, die wechselvolle und spannende Geschichte der Offshorestation RNI in Erinnerung zu bringen. Auf 160 Seiten findet man 175 oft farbige und zum Teil bislang unveröffentlichte Fotos, weitere 75 Abbildungen (z.B. Zeitungsausschnitte oder Sticker) und vor allem hautnahe Beiträge vieler ehemaliger Mitarbeiter. So kommen die Schweizer Unternehmer und Schiffseigner Erwin Meister und Edwin Bollier, der Mebo-Kapitän Jan Harteveld und RNI-Deejays wie beispielsweise Andy Archer, Joost den Draaijer, Jan van Veen, Ferry Maat, Tony Berk, Leo van der Goot und Hans ten Hooge zu Wort. Man lernt noch einmal, welche Schallplatten damals in den Top 40 standen und den typischen Sound von RNI prägten. Das reichlich illustrierte, liebevoll zusammengestellte und kurzweilig geschriebene Buch lässt keine Facette der in mehrfacher Hinsicht farbenreichen Radiostation aus. Einziger Nachteil: Es ist in holländischer Sprache erschienen. Und dennoch garantiere ich Ihnen: Selbst wenn Sie kein einziges Wort verstehen (was ich mir nicht vorstellen kann) werden Sie das Buch nicht so schnell aus der Hand legen und die Anschaffung niemals bereuen.

Mehr Informationen und eine Bestellmöglichkeit findet man hier:

http://www.degoudenglansvanradio.nl/

 

 

Edwin Bollier, Marc van Amstel und Ferry Eden am 30. August 2014 in Zürich


 

 

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